• Home
  • #incommunicado
  • Bücher
  • Seminare
  • Impressum
  •  

    Journalismus, Popkultur, Qualitätskrise: Es sind die Erbsenzähler, nicht die Technik

    Journalisten-Legende Gay Talese erzählt in diesem Interview für big think, wie hochwertiger Magazin-Journalismus vor einigen Jahrzehnten funktioniert hat: Man hatte viel Zeit und ausreichende Budgets, um diese Zeit auch zu nutzen. Irgendwann begann sich die Situation zu ändern: Talese macht das am Kassettenrecorder fest, der es Journalisten gestattete, nach einer Stunde Interview mit genügend “O-Tönen” ausgestattet zu sein, um einen Artikel zu schreiben. Aber nur in einem Nebensatz erwähnt er, was ich für viel wichtiger halte: Die Herausgeber hatten ein großes Interesse daran, die Kosten für Journalismus zu senken und der Kassettenrecorder bot ihnen die Möglichkeit dazu.

    Talese hat über das Showbiz noch journalistisch berichtet: Für sein berühmtes Esquire-Portrait von Frank Sinatra blieb er mehrere Wochen in L.A. und recherchierte auf eigene Faust in Sinatras weiterem Umfeld. Heute ist so etwas schon fast undenkbar – die Spesen für Showbiz-Reportagen und -Interviews übernehmen schon lange jene Konzerne, über deren Produkte dann geschrieben wird. Den Managern der Plattenfirmen ist das lieber, weil sie das Marketing besser steuern können und den Managern der Magazine ist es lieber, weil die Kosten sich auf ein paar hundert Euro Texthonorar beschränken (Fotos werden gratis mitgeliefert). Oft genug gehören ohnehin beide demselben Mutterkonzern an.

    Was bleibt, ist Postjournalismus: Ein von PR-Interessen gesteuertes Geschreibsel, das keine kritische Öffentlichkeit herstellt. Der Kassettenrecorder war früher nicht schuld daran, genau so wenig wie das Internet heute. Es sind die Erbsenzähler, die den Journalismus töten.

    Aber dort, wo die Erbsenzähler nichts zu sagen haben, gibt es auch keine Qualitätskrise. Ganz im Gegenteil: Wenn ich in letzter Zeit etwas Interessantes über Popkultur gelesen habe, dann war das immer online und meistens nicht kommerziell. Die Texte sind anders: kurz, mit viel weniger Hintergrundinformation, radikal subjektiv und oft ohne einen einzigen O-Ton, weil es gar kein Interview gab.

    Die Reportagen von barocker Üppigkeit kommen vermutlich nicht zurück, aber die kritische öffentliche Diskussion schon. Die Möglichkeiten sind enorm: Man kann einfach einen Menschen, der etwas zu sagen hat, vor eine Videokamera setzen und das ganze auf YouTube stellen. Ganz ohne Interview, ohne Q&A und praktisch ohne Kosten. Nicht schlecht, oder?


    Be Sociable, Share!

    One Response to “Journalismus, Popkultur, Qualitätskrise: Es sind die Erbsenzähler, nicht die Technik”

    1. Bin gerade über H.Chr. Voigt’s Posting auf Facebook auf das Projekt “Postjournalismus” gestoßen. Endlich! Das wichtigste Projekt, das mir seit langem untergekommen ist. Biete mein Interesse, meine Erfahrungen – siehe http://eop.kmno4.net/files/Kunst_oeffentlichen_Interesse_HKoecher.pdf, mein Feedback und KOntakte an.

      Zu obigem Artikel allerdings Kritik:
      - Es sind – sicher im politischen, aber auch im Kulturjournalismus im weitesten Sinn – nicht die “Erbsenzähler”, die am unter den Meeresspiegel gesunkenen Niveau Schuld tragen. Die “Erbsenzähler” sind nur die Exekutivheinis der Gatekeeper, die für die eigentlichen “Meinungsmacher” den “Filter” einerseits und die gewünschte, aggressiv aufgeladene Tendenz auf allen Linien garantieren.

      Kritische öffentliche Diskussion dadurch produzieren zu wollen, dass man Podcasts von Leuten, die was zu sagen haben, auf YouTube stellt, ist aus meiner ziemlich umfangreichen Erfahrung bezüglich Mobilisierungsbereitschaft leider eine Illusion:
      - Sehr viele Menschen aus der potentiellen Zielgruppe “kritische Öffentlichkeit” können (für mich schwer vorstellbar) die inflationäre Überflutung mit Informationen nicht mehr bewältigen.
      - Auch haben die Vertreter der Interessen, kritische BürgerInnen zu reflexhaften KonsumentInnen umzufunktionieren, viel mehr Möglichkeiten.
      - Die “Ich- AG-Mentalität”, die “Mich interessiert nur mein Ding”-Haltung steigt und steigt – und das ist ja auch nicht zufällig, sondern medial produziert.

      Es wäre zu hoffen, dass die gegenwärtigen Proteste der Studierenden eine Änderung dieser Entwicklung signalisieren, ich bin aber nicht so sicher. Öffentlichkeit entsteht nicht nur durch Anhören und Abnicken, sondern durch gemeinsames Tun (wie ja die Strategien jeder Diktatur zeigen).

    Leave a Reply

    Transparenzgesetz.at Info-Logo