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    Postjournalismus – Das Buchkonzept

    Langsam geht es voran, das Projekt Postjournalismus. Ich habe nun die vielen, vielen Gedankenstränge und Recherche-Stückchen in ein Buchkonzept gegossen, das ich hier zur Diskussion stellen will. Eine Anmerkung gleich: Besser lesbar und vor allem kommentierbar ist das Konzept wohl in diesem Google-Doc. Reghafte Beteiligung und Kritik sind natürlich erwünscht.

    Massenmedien gelten als die vierte Macht im Staate, Journalisten als notwendiges Korrektiv des politischen Systems. Doch die radikale Kommerzialisierung und Markt­orientierung der Medienunternehmen in den letzten drei Jahrzehnten hat die Branche grundlegend verändert: Primäres Ziel von Medien ist nicht (mehr?) die Aufklärung der Bevölkerung, sondern das Erwirtschaften von Profit. Das verändert die Berichterstattung massiv: Die moderne Medienökonomie beruht primär auf Werbung als Einnahmequelle. Das Publikum ist damit nicht mehr die Kundschaft, sondern das Produkt, das verkauft wird. Die Folge davon ist Postjournalismus: Eine Berichterstattung, die zwar noch alle äußerlichen Merkmale von Journalismus aufweist, aber eine andere Funktion hat, nämlich bestimmte Zielgruppen zu erreichen und dann zur Werbung zu lenken.
    Der Titel „Postjournalismus“ wird von Colin Crouchs Werk „Postdemokratie“ abgeleitet und soll die Kritik nicht nur auf die Tätigkeit der Manager und Konzerne, sondern auch auf die der einzelnen JournalistInnen lenken. Mehrere Vorgespräche und Reaktionen auf einen Blogeintrag zeigen: Sehr viele JournalistInnen finden sich und ihre tägliche Arbeit in dieser Problembeschreibung wieder. Sie sind ja nicht nur Täter, sonder auch Opfer: Niemand ist gern Postjournalist, niemand lässt sich gern von Konzernen, PR-Abteilungen und dem eigenen Management unter Druck setzen. Aber es geschieht und wer nicht mitmacht, verliert oft den Job.
    Das Buch soll also nicht nur Medien- und Journalistenschelte sein, sondern die Ausbeutung der JournalistInnen zum Thema machen.

    Vorwort

    Die Postdemokratie, die Medienbranche und der Journalismus als Opfer und Täter

    1.     Warnhinweis: Postjournalismus kann Ihre Gesundheit gefährden
    Gesundheit und Wohlbefinden ist ein Thema, dem in den letzten 20 Jahren praktisch alle Medien zunehmend Raum widmen: Wöchentliche Beilagen in Boulevard-Zeitungen, Sonderteile in Magazinen, Service-Sendungen im TV. All diese Formate haben nur eine Aufgabe: Das redaktionelle Umfeld für die stetig steigenden Werbebudgets der Pharmazie-Konzerne zu schaffen. Praktischerweise kümmern sich diese Konzerne auch um die Versorgung der „GesundheitsjournalistInnen“ mit Pressematerial, um diese Inhalte auch gefällig produzieren zu können.

    Da Gesundheit und Leben unsere höchsten Güter sind, ist der Verkauf der eigenen Leserschaft an die Anzeigenkunden in diesem Bereich am dramatischten. Deshalb eignet sich dieses Thema als Einstiegskapitel.

    2.     Die postjournalistische Medienwelt

    In der modernen Medienwelt ist der Leser/Hörer/Zuseher nicht der Kunde, sondern das Produkt, das an die Werbeindustrie verkauft wird. Dieses Kapitel ist daher eine einfache Einführung in Medienökonomie: Wie funktioniert eine Zeitung, ein Radiosender oder Fernsehen wirtschaftlich? Warum rentiert sich journalistische Qualität betriebswirtschaftlich immer weniger?

    Hier wird auch auf die radikale Neuerung von Social Media wie Facebook eingegangen, das gar keinen Inhalt mehr selbst produziert – und nur noch die Werbung verkauft.

    Frage: Braucht dieses Kapitel auch einen historischen Abschitt über die Entstehung und Geschichte des Journalismus? Sozusagen vom Präjournalismus zum Postjournalismus?

    3.     Zwischen Praktika und Prekariat

    Die Folge davon, dass guter Journalismus sich betriebswirtschaftlich kaum noch rechnet, erleben JournalistInnen längst am eigenen Leib: Feste Anstellungen werden immer seltener, viele pendeln jahrelang von Praktikum zu Praktikum oder haben mehrere prekäre Arbeitsverhältnisse parallel. Die Selbstausbeutung von JournalistInnen in Qualitätsmedien wie der deutschen taz ist legendär. Die Zukunftsaussichten sind düster, daher flüchten immer mehr gute Journalisten irgendwann in die PR, um eine Familie ernähren zu können.

    4.     Finanzmedien und Börsenwahn

    Ähnlich wie im Gesundheitsbereich lässt sich für die letzten Jahrzehnte zeigen, wie Postjournalismus die Wirtschaftsberichterstattung verändert hat: Die Medien verdienen an den Inseraten der Finanzdienstleister, Rentenversicherungen, Investmentbanken. Wirtschaftsjournalismus wird so zum Finanzmarktjournalismus und der Leser wird zum Kleinanleger, der Kunde werden soll. Kaum eine Nachrichtensendung kommt noch ohne die täglichen Änderungen der internationalen Aktienindizes aus – nicht, weil sie für unser tägliches Leben wichtig wären, sondern weil die Werbewirtschaft dieses Umfeld für ihre Kunden aus der Finanzbranche fordert.

    Der Einfluss auf Politik und Demokratie ist verheerend und wird in diesem Kapitel nachgezeichnet.

    5.     Propaganda, Populismus, politische PR

    Die immer schwächer besetzen und ausgebildeten Redaktionen sind auch im Interesse der Politik: Es wird immer leichter, die eigenen Meldungen unhinterfragt in Medien zu platzieren. Das Anfüttern von Medien mit öffentlichen Inseraten, wie es derzeit in Österreich massiv in der Kritik steht, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Dieses Kapitel soll auch die Professionalisierung politischer PR in den letzten 100 Jahren beleuchten.

    6.     Die Oligarchen

    Dieses Kapitel zeigt die Konzentration der internationalen Medienkonzerne und, an Beispielen, daraus resultierende Probleme bei der Berichterstattung über die Medienbranche selbst.

    7.     Medienmassen

    Welche Möglichkeiten der Gegenwehr haben Journalisten im derzeitigen System? Können Social Media, Blogger und nicht-kommerzielle Medien für jene Aufklärung sorgen, die postjournalistische Medien nicht mehr bieten? Welche rechtlichen Rahmenbedingungen wären dabei hilfreich?

    8.     Eine politische Theorie der Informationsgesellschaft

    Politik ist die Koordination von Menschen und die Verfügbarkeit, Aufbereitung und Steuerung von Information ist ein zentraler Aspekt dabei. Demokratie kann nur in einem gemeinsamen Kommunikationsraum bestehen – weshalb sie z.B. in der Antike auf Städte beschränkt war und erst in der frühen Neuzeit über Delegationsmechanismen auf Nationalstaaten ausgedehnt werden konnte. Die ersten sechs Kapitel haben gezeigt: Jede Veränderung unseres Mediensystems ist auch eine Veränderung unseres realen politischen Systems. In diesem Kapitel wird diese Erkenntnis in einen systematischen theoretischen Zusammenhang gebracht.

     

     

     


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    6 Responses to “Postjournalismus – Das Buchkonzept”

    1. Sigi Maurer says:

      Ein Punkt wär noch die (subjektiv?) gestiegene Komplexität politischer Geschehnisse. Die meisten BürgerInnen verstehen die einfachsten Abläufe nicht, sie werden auch kaum mehr erklärt. Es wird in Paketen und Enden von Tagen gesprochen, die Inhalte sind aus der Politik verschwunden. Die Journis hätten mE die Aufgabe, 1. die Inhalte einzufordern und 2. sie zu erklären. Vieles (zb EU-Geschichten) läuft ohne Kenntnisnahme der Bevölkerung ab und ist auch wirklich komplex und nicht leicht aufzuarbeiten. Ob das in das Buch reinpasst weiß ich nicht, find aber den Themenkomplex wichtig.

    2. :-) hast du meinen ersten absatz in “Eurokrise (nicht nur) für Dummies” gelesen?

      http://derstandard.at/1319181752075/Eurokrise-nicht-nur-fuer-Dummies—Teil-1

    3. Hi Michel,

      spannendes Projekt! Nach meinem persönlichen Geschmack würd ich mich allerdings nicht allzu lange bei der Analyse aufhalten. Dass “der Markt” mit seiner Weltinterpreation so gut wie alle gesellschaftlichen Bereiche geflutet hat und diese nun dominiert, ist doch schon völlig offensichtlich. Von allen Ecken und Ende dräut die Klage über die totale Vermarktung der Lebensbereiche und den damit einhergehenden Absurditäten.

      Ein martkorientiertes Gesundheitssystem muss Krankheit produzieren, damit es dem Wachstumsdogma gerecht wird. Ein marktorientiertes Bildungssystem muss dumm halten, weil selbstständig denkende Menschen nicht gar so konsumfreudig sind bzw. sich Besseres zu tun wissen, als ganze Tage in Shoppingmalls zu verbringen. Marktförmig gemachte Staaten betreiben Steuerdumping und würgen sich so ihre eigene Lebensgrundlage ab. Eine marktoptimierte Mobilität verstopft uns tagtäglich die Straßen mit überdimensionierten Isolationstanks. All diese und sicherlich noch einige Bereiche mehr werden durch die totale Vermarktung ad absurdum geführt legen die Selbstabschaffung nahe.

      Nicht anders beim Journalismus. Das was heute unter Journalismus läuft, ist doch nicht viel mehr als das, was Postboten tun. Sie werden dafür bezahlt, dass sie eine Nachricht zu einem bestimmten Empfänger transportieren – idealerweise unter Wahrung des “Briefgeheimnisses”, also ohne dass sie auf die Nachricht inhaltlich Einfluss nehmen. Da der total vermarktete Journalismus sich selbst abschafft, ist auch die Bezeichnung “Postjournalismus” irreführend, weil es mit Journalismus überhaupt nichts mehr zu tun hat. Es sei denn, mensch versteht es in dem Sinne von Postbotenjournalismus :)

      Was wir aber ganz dringend brauchen, ist ein frei recherchierender Journalismus und für den müssen wir die Freiräume, die er benötigt wieder aufbauen. Dorthin muss alle unsere Energie und Aufmerksamkeit gehen. Ich setze da schon sehr große Hoffnungen auf die Open Source-Bewegung und könnte mir vorstellen, dass so etwas wie Wikipedia auch im Journalismus möglich ist. Es gibt da ja auch schon jede Menge Initiativen in diese Richtung und es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis sich die soweit gebündelt haben, dass sich der Postbotenjournalismus erübrigt.

    4. Karl says:

      >Dass “der Markt” mit seiner Weltinterpreation so gut wie alle gesellschaftlichen Bereiche geflutet hat und diese nun dominiert,

      Ja. Nur eine Anmerkung zum Expose:
      Ich denke nicht, daß Aufklärung die frühere Aufgabe von Medien war. Das wurde immer nur so stilisiert. Medien waren immer schon (sagen wir ab Ende 19. Jh.) Instrumentalisierungsinstrumente.
      Auch in der der vor-postjournalistischen Zeit waren Journalisten nicht meinungsautonom. In den 50er Jahren usw. waren Medien ideologische Kriegsschiffe, und die Schreibenden genauso Ruderer…
      Allerdings: die Ideologie als Koordinatennetz des Schreibens wurde vom Kapitalismus und seiner universellen PR abgelöst.

      Ich halte das Projekt für eine sehr interessante Sache! Weiter so!

    5. Maximilian says:

      Hallo Michel, ein sehr interessantes Projekt, mir fehlen der aber zwei zentrale Kapitel, ohne die das Ganze meiner Meinung nach nicht wirklich “steht”.

      1.) JournalistInnen
      Wer geht heute in die schreibende Zunft?
      1.1 Kompetenz
      Die Nachrichten werden mehr und mehr von komplexen Sachthemen dominiert, kaum ein Journalist bringt das fachliche Rüstzeug dazu mit.
      Die negativen Folgen sind offensichtlich; bei Artikel über das US-Defizit werden Milliarden, Billionen und Trillionen wild durcheinandergewürfelt, weil der Autor keine Ahnung von der Größenordnung hat.
      Zeitungen wiederholen nur mehr die Meinung von Experten ohne sie einordnen zu können. Der wissenschaftliche Konsens und (zT absurde) Randpositionen werden gleich behandelt.
      Die Aussagen von Experten werden nicht kritisch hinterfragt und auch ideologische oder finanzielle Aspekte werden nicht mehr untersucht. (Der Chefökonom der Deutschen Bank ist sicher kein neutraler Kommentator.)

      1.2 Selbstbild
      Das Selbstbild vieler (älterer) Journalisten scheint noch aus einer Zeit zu stammen, in der sie deutlich gebildeter als ihre durchschnittliche Leserschaft waren und sie ihnen die Welt erklären konnten.
      Das funktioniert heute so nicht mehr, denn ersten verstehen Journalisten die Welt oft selber nicht mehr (siehe 1.1) und zweitens sind sie nicht mehr die alleinigen Gatekeeper, die entscheiden, welche Nachricht relevant ist. Auf diesem Gebiet haben sie von den Neuen Medien massive Konkurrenz bekommen.

      1.3 Qualitätsanspruch
      Man kann sich nicht immer aussuchen, worüber man schreibt. Die Frage ist dann, ob man trotzdem sorgfälig recherchiert oder einfach aus zwei Argenturmeldungen einen Artikel zimmert.

      1.4 Meinung
      Wenn man sich intensiver mit einem Thema beschäftigt, entwickelt man dazu aus seine eigene Meinung. Nur sollte man in einem Qualitätsmedium Bericht und Meinung strikt trennen und nicht schon in der Überschrift die Leser beeinflussen. Und auch in einer Kolumne sollten die Fakten stimmen, da man sonst seine Glaubwürdigkeit zerstört.

      2.) Die Leserschaft
      Wer konsumiert die Nachrichten?
      Wie wird mit Nachrichten umgegangen?
      Sind die Leser in der Lage, guten von schlechten Journalimus zu unterscheiden?
      Wollen die Leser informiert werden oder wollen sie eine Bestätigung für ihr Weltbild?
      Gibt es genug Leser, die für guten Journalismus auch bezahlen?

    6. Uhupardo says:

      Es braucht entschleunigten, recherchierenden Journalismus mit gesellschaftskritischem Anspruch. Was immer bei diesem Projekt also herauskommen sollte, ich würde es gern erfahren – und vermutlich dabei sein wollen

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