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    Medienökonomie: Wovon man im digitalen Zeitalter noch leben kann

    Ende September bin ich auf den Österreichischen Medientagen zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Thema: „Das Öl des 21. Jahrhunderts – Das klassische Urheberrecht vor dem Ende?“ Ebenfalls am Podium: Hannes Eder als Vertreter der Musikindustrie, Ferdinand Morawetz vom Verein Anti Piraterie und Matthias Leonardy von der „Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen“, Gerald Grünberger vom VÖZ, Medienanwalt Alfred Noll und als Moderator Thomas Höhne, ebenfalls Anwalt. Ich bin nicht als Politiker geladen, sondern als Autor von #incommunicado, einem freien Roman über das Urheberrecht. Es ist nicht schwer zu erraten, dass ich auf diesem Podium das Krokodil sein soll, das dann alle hauen dürfen.

    Fein.

    Ich habe dennoch zugesagt, weil ich den Titel so toll finde. Die oft gebrauchte Metapher von Wissen/Werken/Inhalten/Geistigem Eigentum, also Information in allen Facetten, als Öl des 21. Jahrhunderts ist ein großartiger Diskussionsrahmen: Sie ist grundfalsch. Sie wurde von Mark Getty geprägt, dem Erben des Ölkonzerns, der seine Millionen in die Fotoagentur Getty Images steckte und zeigt perfekt die Logik einer Industrie auf, die nur als Industrie denken kann.

    Wert und Knappheit

    Öl ist die wertvollste Ressource der Industriegesellschaft. Aber warum? Auch Eisen, Kohle und Stahl sind wichtig, elektrischer Strom ebenso, sogar Wasser und Sauerstoff, und auch menschliche Arbeitskraft ist als Ressource immer noch zentral. Warum gilt also gerade Öl als wertvollste Ressource? Weil es knapp ist. Weil der Bedarf danach riesig ist, die förderbaren Mengen aber begrenzt sind. Man kann Öl fördern, aber keines erzeugen. Wenn es aus ist, ist es aus. Und die Förderung wird eben immer aufwendiger und teurer.

    Der ökonomische Begriff dafür heißt Knappheit. Der Duden Wirtschaft definiert das so: Knappheit ist die Tatsache, dass nicht alle Güter in so ausreichendem Umfang bereitstehen, um damit sämtliche Bedürfnisse zu befriedigen. Aufgrund des begrenzten, knappen Güterangebots kann nur ein Teil der grundsätzlich unbegrenzten Bedürfnisse des Menschen befriedigt werden. Die Knappheit der Güter ist ein wirtschaftliches Grundproblem und macht wirtschaftliches Handeln des Menschen notwendig, um eine bestmögliche Versorgung mit Gütern zu gewährleisten. Je knapper ein Gut ist, desto höher ist sein Preis.

    Ein Überfluss-Problem

    Diese einfachen Sätze enthalten die ganze ökonomische Problematik der digitalisierten Medienindustrie: ihr Gut ist nicht mehr knapp. Am Beispiel Musik oder Literatur ist das leicht erklärt: Ein digitales Buch wie #incommunicado besteht aus Nullen und Einsen, die in Bruchteilen einer Sekunde unendlich oft über den ganzen Erdball kopiert werden können. Es steht also in ausreichendem Umfang bereit, um sämtliche Bedürfnisse zu befriedigen.

    Es ist hoffentlich nicht überflüssig, aber definitv im Überfluss vorhanden. Es gibt auf Knopfdruck Millionen mal mehr Kopien von #incommunicado als Menschen, die es lesen wollen. Nicht das Werk ist knapp, sondern die LeserInnen. Das klingt witzig, ist aber dramatisch.

    Ob dieser Überfluss so sein soll, ist eine andere Frage, der wir uns gleich widmen werden – aber halten wir einmal fest, dass er, rein auf der technischen Ebene, Faktum ist. Information ist im Internet nicht mehr knapp. Bücher, Schallplatten, selbst CDs mit digitaler Information, all das war knapp und daher waren das Industrieprodukte und ihre Herstellung und Verbreitung ein wirtschaftliches Grundproblem. Das machte wirtschaftliches Handeln notwendig, um eine bestmögliche Versorgung mit Gütern zu gewährleisten.

    Aus die Maus.

    Das „Problem“ des Überflusses betrifft nicht nur Werke, die kopiert werden, sondern auch ihren Inhalt.
    Im Journalismus sieht man das deutlich: Wenn eine Printzeitung vor 20 Jahren in der Morgenausgabe eine Exklusiv-Meldung veröffentlichte, dann blieb diese mindestens bis zu den Abendausgaben dieses Tages exklusiv. Fernsehen und Radio brachten im besten Fall Meldungen dazu und kurbelten dadurch den Verkauf der Zeitung noch an (sie verwerteten den Inhalt also kostenlos und das war sogar gewünscht.)

    Heute schreiben die Redaktionen aller anderen Online-Medien binnen weniger Minuten eine eigene Story, die zwar (hoffentlich) auf die Quelle verweist, aber alle wichtigen Punkte enthält.

    Von Luft und Wein

    Eine Information, einmal in die Welt gesetzt, ist nie wieder knapp. Das ist das Gegenteil vom Öl des 21. Jahrhunderts: Information ist in Zukunft ein Überfluss-Gut wie Luft. Die könnte man auch künstlich verknappen, bis ich jeden Preis zu zahlen bereit bin. Ich wäre aber politisch nicht dafür, das zu tun. Sie?

    Vor wenigen Tagen hatte ich auf twitter eine kurze Diskussion mit Christoph Kontanko darüber. „Guter Journalismus wird immer sein Publikum haben“, schrieb er. Da gebe ich ihm recht. Aber wird dieses Publikum auch bereit sein, etwas dafür zu bezahlen? Je knapper ein Gut ist, desto höher ist sein Preis.

    Der Preis für Informationen, sagt die ökonomische Theorie also, wird bald Null sein. „es braucht vor allem ein aufgeschlossenes, kritisches, sachkundiges publikum, das gute arbeitsleistungen honoriert.“ twitterte Kotanko. Ja, das bräuchte es im Sinne des Journalismus tatsächlich, aber diese Kundschaft gibt es nicht. Würde Arbeitsleistung gerecht honoriert, würden Krankenschwestern oder Altenpfleger mehr verdienen und DATUM würde mehr Hefte verkaufen als das Seitenblicke Magazin.

    Natürlich gibt es viele Güter, bei denen großartige Arbeit sehr gut entlohnt wird, nehmen wir als Beispiel edle Handarbeiten oder Spitzenweine: Aber immer, immer, immer ist dieses edle Produkt auch knapp. Wenn es vom besten Wein der Welt unendlich viele Flaschen gäbe, überall auf der Welt im Überfluss verteilt, dann wäre er immer noch der beste Wein der Welt, aber unverkäuflich und gratis zu haben.

    Ich weiß, ich werde redundant, aber es ist wichtig, denn um dieses ökonomische Prinzip gibt es auf dem Markt kein Herumschummeln: Den Preis eines Produkts regeln nur Angebot und Nachfrage – und das Angebot an Information übersteigt in Zukunft die Nachfrage um den Faktor unendlich.
    Wenn man eine marktorientierte Lösung haben will, muss man eine Knappheit bedienen.

    Die 99 Prozent

    Die Reaktion der Medienindustrie darauf ist so gesehen fast logisch: Sie verknappt ihre Produkte mit technischen und juristischen Maßnahmen künstlich, um sie in eine Form zu zwingen, in der sie wieder zu einem Versorgungsproblem werden. Deshalb also technisch implementiertes Digital Rights Management und immer schärfere Urheberrechtsabkommen.

    Ich bin überzeugt, dass das zu kurz gedacht ist. Denn die modernen Technologien bringen noch einen weiteren Überfluss: Jeder kann selbst produzieren, jeder kann selbst publizieren. Vor zwanzig Jahren habe ich Freunden die Produktion einer CD bezahlt. Einen Tag Studio, Nachbearbeitung, ein paar hundert Tonträger pressen. Das hat doch richtig Geld gekostet, weil Studiozeit knapp und wertvoll war. Heutzutage produziert ein Rapper wie Cro Hits am Home-PC.
    Wir wurden damals von keinem Major-Vertrieb aufgenommen, kamen mit unserer Scheibe in keinen Plattenladen – weil Regalplatz knapp war. Heute würden wir nicht mal mehr auf die Idee kommen, das zu versuchen, das ganze Netz stünde uns offen…

    Nehmen wir also an, ab morgen gäbe es keine Musikpiraterie mehr, die Verknappung durch Recht und Technik klappe ab morgen perfekt. Ich bin sicher, für ein paar Jahre würde das die Musikindustrie retten. Nur: da draußen sind tausende, nein, Millionen Jugendliche, die Musik machen wollen. Die gab es immer schon. In den Sechzigern oder Achtzigern oder wie wir in den Neunzigern haben diese Jugendlichen in Probekellern gespielt und sind in kleinen Klubs aufgetreten. Das war es dann. Wer keinen Plattenvertrag bekam, also 99 Prozent, machte das zum Spaß und hörte irgendwann auf. Heute stellen diese Jugendlichen ihre Musik ins Netz und Videos auf YouTube. Kein Geld mit ihrer Musik verdienen können sie so auch.

    Ja, gegen die Werbemacht der Industrie und ihre Stars kommen die Millionen Unbekannten noch nicht flächendeckend an. Sie werden nicht im Radio gespielt und nur selten zu viralen Hits. Aber jetzt kommt der springende Punkt: Je stärker die Industrie ihre Produkte verknappt, desto mehr Platz und Raum schafft sie für die alternative Szene. Da entsteht kein Vakuum, ganz im Gegenteil.

    Los, macht eure Stars bitte ganz rar! Dann hören die Kids eben bald andere Musik, andere Talente. Die gibt es da draußen im Überfluss.
    In der Literatur ist es nicht viel anders. Es gibt jedes Jahr tausende veröffentlichte Romane. Aber es gibt wohl noch mehr unveröffentlichte Manuskripte. Ich merke, dass Autoren noch ungern selbst publizieren. Bei einem „richtigen“ Verlag unter Vertrag genommen zu werden gilt noch als Auszeichnung. Verständlich, aber wenn die Alternative lautet, das Manuskript verstauben zu lassen, sieht das gleich anders aus. Die Knappheit des klassischen Buchvertriebes ist Vergangenheit.
    Die etwas nervende Journalismus-vs-Blogger-Diskussion gehört hier am Rande auch dazu, die Parallele wäre aber eher: Los, verknappt ruhig eure Informationen hinter Paywalls oder kostenpflichtigen Apps – dann lesen wir sie eben woanders. Wenn die Nachricht wichtig ist, wird sie auch öffentlich gemacht werden.

    Soll das so sein?

    Spätestens hier driftet die Diskussion meist zur normativen Frage „Soll das so sein?“. Sollen Information und Kultur, welche die Gesellschaft im Überfluss haben kann, künstlich eingeschränkt werden?

    Das Pro-Argument ist bekannt: Kultur und Wissen müssen zuerst mal geschaffen werden und Kreative müssen von etwas leben können, sie sind ja weiterhin ökonomischen Zwängen ausgesetzt. Wer sollte das bestreiten? Ich als einziger Kreativer auf einem Podium mit sechs Industrievertretern sicher nicht.
    Gegner erwidern oft: Die Medienindustrie fördert ihre Gewinne, nicht die Kreativen, nicht ihre MitarbeiterInnen. Kreative werden in Zukunft mit neuen Modellen ohne Industrie besser dran sein. Diese Debatte ist inzwischen unergiebig, da bewegt sich seit über zehn Jahren inhaltlich gar nichts mehr.

    Ich persönlich halte die Forderung, Kultur und Wissen künstlich zu verknappen, aus oben genannten Gründen für ökonomisch pervers, vor allem aber für demokratiepolitisch gefährlich und kulturell erbärmlich. Ein Überfluss an Wissen, Kultur und Information ist kein Problem, sondern wünschenswert. Das ist kein unbestreitbares Faktum, sondern eine Wertehaltung. Eine politische Weltanschauung. Man kann natürlich ganz anderer Meinung sein, aber ich halte auch soziale Gerechtigkeit und eine möglichst intakte Umwelt für wünschenswert und auch da kann man anderer Meinung sein. Die Diskussion erinnert nicht zufällig an jene um Vermögenssteuern oder Finanzmarktregulierung: Auch das sind keine Suchen nach einer gemeinsamen, übergeordneten Erkenntnis – sondern politische Machtkämpfe. So einfach ist das.

    Die Chance

    Gibt es also in Zukunft keine Möglichkeit mehr, von der Produktion von Kultur, Wissen oder Information zu leben? Werden Musik, Literatur, Journalismus und so weiter nur noch unbezahlte Hobbies?

    Nein. Es gibt viele Chancen da draußen.

    Man muss sie nur anders suchen als in der Vergangenheit. Ver-markt-en lässt sich, was immer noch knapp ist. Zum Beispiel die Zeit des Künstlers.
    Konzerte und Festivals sind nicht umsonst der letzte Strohhalm der Musikindustrie. Selbst Menschen, die ein Album raubkopiert haben und monatelang gratis hören, zahlen begeistert das Mehrfache des Albumpreises, um ihren Star zwei Stunden live auf der Bühne zu sehen. David Guetta, ein DJ, der bei seinen „Konzerten“ die Musik von der Festplatte kommen lässt und auf der Bühne etwas Gestik dazu macht, nimmt angeblich 150.000 EUR pro Auftritt – und in manchen Nächten fliegt er quer durch Europa, um in zwei Städten aufzulegen. Da gibt’s keine Krise der Musikindustrie. Weil es keine Industrie mehr ist, sondern ein Service.
    Marktorientierter Journalismus kann nicht mit Überfluss-Information Geld verdienen, sondern nur mit etwas, das knapp bleibt: Zum Beispiel mit der Aufmerksamkeit des Publikums, die lässt sich an Werbekunden verkaufen. Wenn man andere Geschäftsmodelle sucht, dann muss man auch eine andere Knappheit identifizieren – oder auf nicht-marktorientierte Modelle umsteigen.

    Als Autor habe ich erst bei meinem zweiten Sachbuch kapiert, dass ich mit Vorträgen und Seminaren mehr Geld verdiene, als mit den zehn Prozent vom Verkauf des Buches. Da gebe ich die Bücher gerne billiger, ja sogar gratis ab, das ist ein gutes Geschäft, wenn dafür die Vorträge angekurbelt werden. Mir hat ein Autor darauf einmal in beleidigt-vorwurfsvollem Ton geantwortet, er wolle nicht von Vorträgen, sondern vom Schreiben leben. Ich verstehe das. Aber nicht den Tonfall. Wenn man sich Geschäftsmodelle einfach aussuchen könnte, wäre das eine feine Sache, aber so ist es halt nicht.

    Man kann nicht die Knappheit vergangener Zeiten bedienen. Wir sollten uns lieber freuen, wenn Kultur und Wissen im Überfluss vorhanden sind.


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    6 Responses to “Medienökonomie: Wovon man im digitalen Zeitalter noch leben kann”

    1. Pfau, superbe Analyse, großartig formuliert. Entspricht genau meiner Sicht der Dinge. Um viel Geld verkaufen kann man nur etwas, was selten ist (wohlgemerkt, das macht es noch nicht wertvoll). Und schaut man sich an, welche Firmen mit Musikverkauf im Internet erfolgreich sind, dann sind es jene, die es als Service ansehen.

      Wann und wo ist die Podiumsdiskussion? Die würd ich mir gerne live geben… :-)

    2. Auf den Medientagen am 26.9. in der wiener Stadthalle. Hab den Link übersehen… :-)

    3. Das Alles ist sicher nicht neu. Aber es ist brillant und verständlich zusammengefasst. Danke dafür!

    4. Super geschrieben. Ich stimme auch den Gedanken zu. Aus Sicht der schreibenden Zunft: zwei Dinge sind für mich auch klar. Erstens – ich kenne mehr Autoren die einfach nicht in der Lage sind öffentlich aufzutreten, als solche die sich hier gut behaupten. Trotzdem schreiben sie kluge Bücher oder Artikel. Es wird sich ein Weg finden müssen, diese zu entlohnen, wenn uns ihre Gedanken (und nicht ihre Show oder das öffentliche Auftreten) wichtig sind. Auch ich verdiene mehr mit öffentlichen Events und Moderationen als mit Büchern und Texten. Aber da habe ich einfach Glück gehabt. Zum zweiten: Nachrichten oder Texte an sich sind es nicht, die wir bezahlen sollten. Sie sind auch – wie beschrieben – nicht knapp. Sondern ein Service – von der guten Auswahl bis hin zur guten Analyse oder der überraschenden Sichtweise – das ist Kreativität und auch Qualität. Das Problem der “Schützer” ist glaube ich, dass sie lange Jahre in der glükclichen Lage waren, Allgemeinplätze als Qualität zu verkaufen. Da denke ich besonders an die Verlage oder auch Zeitungen. Einfach weil sie den Namen hatten und zum Beispiel in ihren Regionen oder Fach-Gebieten die Platzhirsche waren. Also kamen da Autoren hin, die dort veröffentlichen wollten. Manche hatten die Qualität, viele nicht. Aber der Wunsch – über das adelnde Label des Verlages – auch den Allgemeinplatz hochzuheben, gab die Chance mehr Geld zu verdienen. Für alle. Das ist heute in einer selbst publizierenden Welt natürlich anders. Insofern denke ich sehr wohl darüber nach bestimmte Produkte (EBooks, Apps) zu kaufen und zu bezahlen, wenn ich von ihrer Besonderheit überzeugt bin. Aber das ist dann auch nur meine Auswahl – und ob das für viele andere auch so ist, entscheidet über Massenerfolg. Aber wie gesagt – auch wenn ich nun redundant werde – wenn man lange Jahre in einem sicheren Hafen war und behaupten konnte, das sind des Kaisers neue Kleider, dann kommt halt irgendwann der Moment wo einer sagt: “Äh – der Kaiser ist nackt…” Und so eine Erkenntnis hat Konsequenzen, denke ich. Uui – jetzt bin ich lang geworden. Na – macht nix. Liest vermutlich eh keiner, weil es ja auch nix neues ist. ;-) ) Danke nochmal für den Text da oben und danke an Stefan fürs teilen…

    5. 1. Ein armer “einziger Kreativer auf einem Podium mit sechs Industrievertretern”? Ich glaube, dass Noll sich nicht als “Industrievertreter” versteht, und ich selbst bin dort Moderator und habe überhaupt keine Interessen zu vertreten.
      2. Sich gleich vorweg zum “Krokodil” zu stilisieren, ist ein guter taktischer Einstieg – aber wer weiß? Vielleicht gelingt es Ihnen ja, die “Industrievertreter” zu “Krokodilen” zu machen?
      3. Der Vergleich mit dem Öl ist etwas eigenartig: Denn kein Mensch bräuchte mehr das Öl (und auch nicht die Atomenergie) – jedenfalls nicht zur Energiegewinnung – wäre die Bereitstellung von Energie nicht in den Händen einiger übermächtiger Konzerne, die der Politik seit Jahrzehnten die Energiepolitik aus der Hand nehmen. Oder ist genau das gemeint?
      4. Die Fokussierung der Diskussion auf die Millionen Jugendlicher, die alle gern produzieren würden, aber von der Industrie, die auf ihren Privilegien sitzt, daran gehindert wird, führt zu Schlüssen, die (jedenfalls nach herkömmlicher Anschauung) dem Thema nicht gerecht werden: Der große Roman, den ich lesen will, wird nicht von Millionen Jugendlicher geschrieben, Filmproduktionen brauchen viel Geld (das schon zu Beginn da sein muss), Theater-, Operproduktionen, Kompositionen für große Orchester und Bigbands – wie wird das alles finanziert? Ich weiß es nicht, und das Fortschreiben der alten Modelle überzeugt nicht. Aber vielleicht sind wir schon dabei, uns von der vertrauten Figur des Genie-Autors und allen anderen Erscheinungen der klassischen Kultur zu verabschieden, wie wir uns auch von Meyers Lexikon verabschiedet haben, und bei Wikipedia suchen. Vielleicht wird die klare Aufteilung in die wenigen Kulturproduzenten und die vielen passiven Konsumenten nur eine Phase in der menschlichen Entwicklung gewesen sein. Und vielleicht sind wir mitten in der Zeit des Umbruchs, in der das Alte ums Überleben kämpft und das Neue noch nicht klar genug sichtbar ist … Auch der Buchdruck galt einmal als Werk des Teufels.

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