Wie die Grünen Listenwahlen funktionieren
November 7th, 2012Die derzeit stattfindenden Grünen Listenwahlen für die Nationalratswahl 2013 sind interessant – sowohl tatsächlich, als auch auf der Meta-Ebene: Was darüber geschrieben, getwittert und getratscht wird, ist teilweise, naja, widersprüchlich. Ich versuche, da ein bisserl Licht ins Dunkel zu bringen…
1. Zunächst das Wahlsystem laut Verfassung: Es gibt drei Ermittlungsverfahren – auf Wahlkreisebene, auf Landesebene und auf Bundesebene. Vereinfacht gesagt: Wenn eine Partei in einem Wahlkreis (zB Burgenland Nord oder Traunviertel oder Tiroler Oberland) genügend Stimmen für ein Mandat macht, erhält es dieses – und der Rest der Stimmen wandert zur Landesliste. Dort werden alle Reste aller Wahlkreise addiert und es gibt wiederum Mandate. Die dann verbliebenen Stimmen wandern zur Bundesliste, werden addiert und ergeben die Mandate im dritten Ermittlungsverfahren. Diese Tabelle zeigt, wie die Mandate nach der NR-Wahl 2008 verteilt waren. Sie erklärt zum Beispiel recht gut, warum die Landesparteien und damit die Landeshauptleute sowohl bei SP und VP so viel Macht haben: Manche Landesparteien stellen mehr MandatarInnen als die Bundespartei. In Parteien, in denen der Chef bestimmt, wie die Liste ausschaut, richtet sich eben auch die Loyalität der Abgeordneten danach. Die Tabelle zeigt auch: Das erste Ermittlungsverfahren auf Wahlkreis-Ebene spielt für uns Grüne keine Rolle, für uns zählen Landeslisten und die Bundesliste.
2. Man kann grundsätzlich auf mehreren Listen antreten, aber natürlich nur ein Mandat annehmen. Bei uns gilt der Grundsatz, dass das Mandat aus dem früheren Ermittlungsverfahren zu nehmen ist, also Landesliste vor Bundesliste. Das ist eine Solidaritätsleistung großer Bundesländer und hilft KandidatInnen aus kleinen. Das funktioniert z.B. so: Unsere Promis Eva Glawischnig, Werner Kogler und Gabi Moser werden natürlich die Spitze der Bundesliste bilden (ich greife mit dieser Aussage der Wahl durch die Basis vor und mich zwickt’s dabei richtig. Das tut man eigentlich nicht. Aber wenn ich jetzt hier aus demokratischem Anstand einen Konjunktiv schreibe, steht morgen in den Medien: Reimon zweifelt an Grünen Spitzen). Alle drei werden die Landeslisten in ihrem Heimatbundesland anführen, also Wien, Steiermark und Oberösterreich (selber Klammertext), und die Landesmandate annehmen. Das ist die Solidaritätsleistung der Großen.
3. Nehmen wir an, dabei bleibt es und wir machen 2012 so wie vor fünf Jahren fünf Bundeslistenmandate. Dann wären Eva, Werner und Gabi über die Landeslisten “drin” und auf der Bundesliste würden die nächsten fünf Plätze ein Mandat erhalten. Nehmen wir jetzt hypothetisch aber an, auf Platz 6 befindet sich noch eine Person, die auch über eine Landesliste einzieht. Das würde auf der Bundesliste bedeuten: Platz 1 bis 3 sind blank, 4 und 5 bekommen ein Bundesmandat, 6 ist wieder blank, Nummer 7, 8 und 9 ziehen ein.
4. Soweit wäre es ja noch einfach, aber die Landeslisten sind ja nur begrenzt planbar. Wir liegen in den Umfragen sehr gut, aber dass wir am Wahltag immer etwas darunter liegen, wissen wir auch. Die letzten Male haben wir in Kärnten das Landesmandat nur knapp verfehlt und ebenso in Tirol das zweite Mandat. Auch das 6. Mandat in Wien ist sehr realistisch. Alle drei könnten diesmal schon mit leichten Zugewinnen zu holen sein. Allerdings liefern dann diese drei Länder schlagartig weniger Reststimmen an die Bundesliste. Würde die dann kürzer werden? Nun, das hängt davon ab, ob die andern sechs Länder auch zulegen und das ausgleichen. Klingt das sehr nach Kaffeesud-Leserei? Erraten. Kleine Schwankungen können den Unterschied zwischen einem Landes- und einem Bundesmandat bedeuten. Am Wahlabend ist das fast allen egal, weil medial natürlich nur der gesamte Mandatsstand wichtig ist. Für die beiden Betroffenen macht das einen großen Unterschied. Unterm Strich: Unabhängig vom Gesamtstand ist es unwahrscheinlich, dass wir weniger als vier und mehr als sechs Bundeslistenmandate machen. Aber nix genaues wissen wir nicht – bis zum Wahlabend.
5. Die Landeslisten werden auf Landesversammlungen von den Parteimitgliedern und SympathisantInnen gewählt. Für die Bundesliste ist das nicht praktikabel, weil zum Beispiel zu einer Wahl im Burgenland signifikant weniger VorarlbergerInnen anreisen würden. Um das fair zu gewichten, gibt es für den Bundeskongress ein Delegiertensystem. Jede Landesorganisation stellt eine Anzahl von Delegierten, je nach Größe des Landes. Wien und Niederösterreich zum Beispiel je 28, Vorarlberg und das Burgenland 13 bzw 12. Das “zehnte Bundesland”, die Organisation der Minderheiten und MigrantInnen, stellt 10 Delegierte. Zusätzlich sind alle Abgeordneten auf Landtags-, Nationalrats- und Europaebene wahlberechtigt. In Summe macht des etwa 300 Delegierte zum Bundeskongress am 1. Dezember in Linz, wo es um die Bundesliste geht. Derzeit finden Hearings statt: Jede Landesdelegation lädt die KandidatInnen ein, sich und ihre Ziele zu präsentieren. Mit Vorarlberg hats begonnen, heute folgt Burgenland, am Freitag Niederösterreich und so ist der ganze November dicht verplant.
6. Übrigens gilt unsere Quote für die Listen, aber natürlich nicht für das Annehmen der Mandate. Ich konstruiere zu Studienzwecken ein Beispiel: Nehmen wir an, die Bundesliste sieht so aus: 1. Glawischnig (auch Wien), 2. Kogler (auch Stmk), 3. Moser (auch OÖ), 4. Pilz, 5. Maurer (auch Tirol), 6. Plass oder Rossmann oder Schreuder oder Waitz oder ein anderer Mann. Dann gingen die ersten beiden Bundeslistenmandate 4 und 6 an Männer. Und da grundsätzlich auch kein Statut dagegen sprechen würde, dass alle neun Landeslisten von Männern geführt werden, stellt selbst unsere Quote keineswegs hundertprozentig sicher, dass in der Kombi aller zehn Listen gleich viele Frauen wie Männer im Nationalratsklub vertreten sind. Die Paranoia mancher “Männerrechtler” in den Online-Foren diverser Zeitungen möcht’ man nicht haben…
7. Die ganze Rechnerei ist eh spannend, aber auch für die Fische: Man stellt sich zur Listenwahl und wird gewählt oder auch nicht. Und dann geht man raus, dort wahlkämpfen wo es wirklich zählt und am Wahlabend sieht man dann, wie es steht. Punkt. Dem Klimawandel sind Landes- und Bundeslisten nämlich völlig egal.

