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    Politische PR: “Daesh” oder “Islamischer Staat”?

    Jetzt sagen plötzlich so viele “Daesh” statt “Islamischer Staat”. Das geht seit 3 Tagen aus von den französischen und amerikanischen Regierungen, viele Medien haben das Wording übernommen, immer mehr Privatpersonen machen mit.
    Bemerkenswert. Der ehemalige Lehrbeauftragte für politische PR in mir ist sich über die Intention noch nicht ganz im Klaren.

    Kommunikation ist hoch politisch, weil sie Bewusstsein schafft und unser Handeln beeinflusst. Deswegen ist es zum Beispiel so wichtig, Frauen in der deutschen Sprache sichtbarer zu machen. Was ist die Intention von Hollande, Kerry und Obama, den “Islamischen Staat” jetzt weniger sichtbar zu machen?

    Zunächst: Daesh ist ein arabisches Acronym für “Islamischer Staat in Irak und Syrien” also… ISIS. Eine arabische Abkürzung statt einer englischen, und wenn man Daesh sagt, statt “Islamischer Staat” auszusprechen, verschwindet auch die deutsche (oder französische, schwedische, wasauchimmer) Bezeichnung. Wir verändern also Kommunikation in unseren westlichen medialen Sprachräumen.

    Daesh ist im arabischen doppeldeutig, es ist auch eine Beleidigung. Mehrere Texte im Netz weisen darauf hin, dass es in den von IS/Daesh beherrschten Gebieten verboten ist, den Begriff zu verwenden. Hollande hat auf diesen Aspekt der Beleidigung hingewiesen und sagt, er setze ihn absichtlich ein. Verständlich.
    Aber mit Verlaub, das wird der wichtigste Grund nicht sein, so infantil ist Spitzenpolitik nicht.

    Es gibt das Argument, dass “ISLAMISCHER Staat” den ganzen Islam kommunikationstechnisch in Geiselhaft nehme und Islamfeindlichkeit den Boden bereite. Find ich überlegenswert, wäre ein gutes Argument. Allerdings kommt der massive Vorstoß zum neuen Wording nicht aus der islamischen Welt, sondern von westlichen Regierungen und konservativen Medien, die in vielen anderen Bereichen kein großes Problem haben, den Islam als Problem darzustellen. Das mag eine Intention vieler Privatpersonen sein, das neue Wording zu übernehmen, aber ich glaube nicht, dass es die Überlegung von Hollande und Kerry bzw deren PR-Truppen war.

    Und es gibt das Argument, dass die Bezeichnung “Islamischer STAAT” zuviel Legitimation verleihe, weil es kein Staat ist. Das halte ich für wahrscheinlicher. Hollande hat wenige Stunden nach dem neuen Wording die ersten Bombenangriffe auf Daesh gestartet. Er will nicht darüber reden, einen “Staat” zu bombardieren. Wenn daraus ein langer Kampf wird, will er offensichtlich nicht über Krieg reden, es soll im Wording Terrorbekämpfung gegen eine Bande sein. Deshalb ist auch die Beleidigung für Hollande nicht nur legitim, sondern Teil der Kommunikationsstrategie. Ein Staatschef beleidigt keinen anderen Staatschef, aber sehr wohl eine Bande von Verbrechern.

    Immerhin wäre auch die gegenteilige Strategie möglich: Der IS kontrolliert ein Territorium, eine Armee, hat eine erfolgreiche Invasion im Irak durchgeführt und dort drei Divisionen der staatlichen Armee in die Flucht geschlagen. Er hat sogar diplomatische und außenwirtschaftliche Beziehungen und verkauft Öl und Antiquitäten.
    Man könnte den IS auch als gerade entstehenden Staat kommunizieren, gegen den man einen konventionellen Krieg führen muss und eine internationale Allianz schmieden. Das wäre auch genau das, was jetzt passiert, aber mit anderem Wording.

    Und woran würde das erinnern? Genau, an die Invasion, den “Kreuzzug” von Bush gegen Saddam Hussein. Wir wären plötzlich im 3. Irak-Krieg. Nichts würde Daesh mehr nutzen. Nichts wollen Hollande und Obama weniger.

    Das will ich auch nicht, also kritisiere die Kommunikation hier überhaupt nicht. Nicht missverstehen. Ich beobachte nur, wie sich das entwickelt. Denn ganz konsistent ist das Wording noch nicht: Hollande sagt nämlich sehr wohl, dass Daesh kriegerische Akte gegen Frankreich setzt. Ich will einfach beobachten, wie die PR-Experten meine Medien und meine Wahrnehmung prägen wollen.

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