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    Wie reagieren wir auf Terror als PR-Strategie?

    Eine Mitarbeiterin des EP in Straßburg erzählt mir nach 10 Sekunden Gespräch sofort, dass sie Terrorangst hat. Dass sie in der Straßenbahn jeden Fahrgast beobachtet und ab nächster Woche zu Fuß gehen wird.
    Der Zug von Brüssel nach Straßburg war halb leer, ein Großteil der MitarbeiterInnen ist mit dem Auto gefahren.
    Der Großteil der BesucherInnen-Gruppen im EP hat ihre Reisen für Dezember und Jänner abgesagt.
    Eine junge Journalistin postet in Brüssel, dass sie sich durch die vielen Soldaten auf der Straße aber auch nicht sicherer fühlt und 1000 Kilometer entfernt in Österreich zuckt ein alter Manager wegen dieser “Verharmlosung” völlig aus.

    Nüchterne Hinweise, dass durch Verkehrsunfälle oder Luftverschmutzung in Frankreich viel mehr Menschen pro Jahr sterben als durch Anschläge, dass Rauchen beim Ausgehen in Paris statistisch gefährlicher ist als Bomben, dass die Autofahrt nach Straßburg auf jeden Fall riskanter ist als der Zug… sie nutzen nichts. Es geht nicht um rationale Risikoabwägung. Die Angst ist in Panik umgeschlagen. Und das ist ein Problem.

    Angst im Angesicht von Gefahr ist ein wichtiges Gefühl, man braucht es, um alle Kräfte zu mobilisieren und fokussiert an einer Lösung zu arbeiten. Um sich zu retten. Panik ist das Gegenteil davon: Man tut aufgeregt irgendwas und stirbt. An der Front kannst du dir keine Panik leisten. Angst brauchst du.

    Zum Beispiel: Angst könnte dich dazu bringen, endlich die Kooperation von 28 Behördenapparaten voranzutreiben. Wenn heute blitzschnell ein Terrorverdächtiger gesucht werden muss, gibt es keine Möglichkeit, europaweit in den jetzt schon vorhandenen Daten zu ermitteln. Ein Verdächtiger von Paris kann in Wien, Riga oder Athen gemeldet sein und die Pariser Polizei findet das nicht auf Knopfdruck raus. Die Vernetzung der Verwaltungen mit völlig unterschiedlichen Datenbeständen über Sprachgrenzen hinweg ist mühsam, aber Angst könnte die Energie dazu liefern.
    In Panik setzen die Regierungen auf die leicht umsetzbare, medial dramatischere Vorratsdatenspeicherung, auf mehr Daten, mehr Überwachung, auf einen größeren Heuhaufen, in dem sie dann im Notfall die Nadel erst recht nicht finden.

    Die Panik ist gewollt, von Daesh und Al-Kaida gezielt erzeugt. Die Terroristen haben eine hohe Medienkompetenz, das Publikum hat sie noch nicht. Oder sagen wir: nicht angepasst an die neue Situation.
    Es gab im Europa der 70er mehr Terroranschläge als jetzt. Von der RAF über Brigate Rosse bis zur IRA und der PLO setzten viele unterschiedliche Organisationen auf die “Propaganda der Tat”. Aber das war eine Zeit mit staatlichem Monopol-Rundfunk und Print-Zeitungen. Zwischen einem Anschlag und der Berichterstattung vergingen Stunden. Und dann gab es das nächste “Update” jeweils 24 Stunden später. Bilder und Filmausschnitte wurden in Redaktionen gefiltert, wer sich an der “Diskussion” beteiligen wollte, musste einen Leserbrief schreiben und Tage auf die Veröffentlichung warten.

    Heute twittern Terroropfer live aus der Geiselnahme, Passanten veröffentlichen Handy-Videos, man sieht Hinrichtungen auf YouTube noch bevor der Leichnam geborgen wurde. Und die kommerziellen Medien steigen live ein. Der ORF wurde noch während der Paris-Anschläge kritisiert, weil er keine Sondersendung laufen hatte.

    Um es deutlich zu sagen: Ich nutze diese neuen Medien und ich halte sie für einen riesigen Fortschritt, für einen demokratiepolitischen Gewinn. Ich will nicht, dass einige wenige zentrale Player die Berichterstattung kontrollieren, auch nicht im Fall von Terrorismus.

    Aber als Publikum, als StaatsbürgerInnen und auch und vor allem als Privatpersonen brauchen dafür eine adäquate Medienkompetenz. Wir dürfen Angst haben, aber wir sollten nicht in Panik verfallen.

    Da sind wir hinten nach. Die gute Nachricht: Das muss nicht so bleiben. Ich glaube, es wird nicht so bleiben. Das Umgehen mit Angst lässt sich lernen.

    Ich war im letzten Jahr mehrfach im Nahen Osten, in Erbil/Sinjar, Suruc/Kobane, Beirut/Golan. Natürlich haben die Menschen Angst, wenn tausende IS-Kämpfer nur noch 30km vor der Stadt oder sogar schon in den Häusern am Stadtrand stehen, oder wenn sie auf den selben Märkten einkaufen müssen, auf denen es schon Anschläge mit hunderten Toten gab. Aber sie bleiben ruhig. Sie passen ihr Verhalten so an, dass sie ihr Risiko minimieren, aber sonst ein möglichst normales Leben führen können.

    Für viele gehört dazu auch, irgendwann zu dem Entschluss zu kommen, mit ihren Kindern die einmal lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer zu wagen, anstatt mit ihnen jeden Tag in die Menschenansammlungen in Beirut gehen zu müssen.
    Das kann eine sehr rationale Entscheidung sein.

    Ein Beamter des EP ist nicht nach Straßburg gekommen, er hat Urlaub genommen und bleibt ein paar Wochen in seinem Wochenendhaus. Ist das rational oder ist es Panik? Im EP kontrollieren sie die Handtaschen meiner MitarbeiterInnen, die davor mit dem Shuttle-Service unkontrolliert ins EP gebracht wurden… Rational? Die USA erlassen eine weltweite Reisewarnung. Panik?

    Die Propaganda der Tat ist die stärkste Waffe, die kleine extremistische Gruppen derzeit haben, egal welcher Ideologie sie anhängen. Diese funktioniert, also wird sie kopiert werden. Wenn wir eine Terrorgruppe auslöschen, werden drei andere diese Taktik übernehmen. Die Anschläge werden in Zukunft immer spektakulärer werden. Um das vorherzusagen muss man kein Terror-Experte sein, sondern sich nur ein wenig mit politischer PR auskennen.

    Wir brauchen also mehr Medienkompetenz, damit sich soclhe Anschlänge irgendwann nichtmehr “rentieren”. Ich fürchte, das wird lange dauern, das wird eine neue Generation brauchen, die beim Aufwachsen damit Umzugehen lernt.
    Eine furchtbare Perspektive. Da darf man Angst haben. Aber eine Demokratie, die in Panik verfällt, stirbt.

    One response to “Wie reagieren wir auf Terror als PR-Strategie?”

    1. […] Reimon (kennt ihr!) hat einen sehr schlauen Artikel namens „Wie reagieren wir auf den Terror als PR-Strategie?“ geschrieben. Es geht um den […]