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    Jesiden: zwischen Angst und Rivalität

    [Gastbeitrag von Thomas Schmidinger] 

    Trotz der Rückeroberung der Stadt Sinjar durch KämpferInnen von YPG/YPJ und Peshmerga, kehren die vertriebenen Êzîdî nicht zurück. Zu groß sind Angst und sind die politische Konflikte.

    Auch fast zwei Jahre nach der Eroberung der Stadt Sinjar (kurdisch: Şingal) und der Vertreibung und Versklavung der dortigen Êzîdî durch den selbsternannten Islamischen Staat (IS) Monaten leben die Überlebenden in Zelten. Die etwa 300.000 Êzîdî der Region halten sich bis heute als Intern Vertriebene in der Autonomieregion Kurdistans im Irak oder als Flüchtlinge in den von Kurden kontrollierten Teilen Syriens (Rojava) und in der Türkei auf. Nur relativ wenige haben es bisher nach Europa geschafft. Während ein Teil der Intern Vertriebenen noch 2014 in von der Regionalregierung Kurdistans mit Unterstützung des UNHCR und anderer Hilfsorganisationen errichteten Lagern untergebracht wurden, hausen andere bis heute in informellen Zeltlagern, wo sie ohne jede Unterstützung auskommen müssen. Ende März 2015 explodierte erstmals die Situation in Protesten gegen die Regionalregierung Kurdistans. Diese unterdrückte die Demonstrationen mit Gewalt, ließ Aktivisten festnehmen. Drei prominente jesidische Intellektuelle, der Dichter Hecî Qeyranî , der Sänger Dakhil Osman und der ehemalige Fernsehreporter-Reporter Berekat Isa flohen Anfang April 2015 aus dem Autonomiegebiet Kurdistans. Die drei aus Sinjar stammenden Intellektuellen hatten nach eigenen Angaben aufgrund ihrer Aktivitäten Morddrohungen aus erhielten aus Kreisen von Masud Barzanis Regierungspartei PDK erhalten. Am 4. April 2015 wurde schließlich der junge Internet-Aktivist Kheri Ali Ibrahim aus Dohuk verhaftet, weil er sich als Mitglied der „Weltweiten Initiative für Eziden“ in Facebook-Einträgen kritisch mit der Repression gegen jesidische Aktivisten beschäftigt hatte, am 5. April 2015 dann auch Haydar Şeşo, der Kommandant der der Verteidigungskraft Şingals (HPŞ).

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    Bereits 24 Massengräber mit den Leichen durch den IS ermordeten JesidInnen wurden in den zurückeroberten Gebieten von Sinjar gefunden.

    Auch wenn er Tage später wieder frei gelassen wurde und sich seither dem Aufbau einer eigenen ezidischen Partei widmet, so zeigten die Ereignisse des Frühlings 2015 bereit wie brüchig die Allianz zwischen der Regionalregierung Kurdistans und den Êzîdî ist. Der Abzug der Peshmerga von Barzanis PDK im Sommer 2014 hat das Vertrauen in die Peshmerga nachhaltig erschüttert. Aber auch unter den Êzîdî selbst, wurden seit dem Sommer 2014 verstärkt Rivalitäten sichtbar. Die Rückeroberung Sinjars im November 2015 hat diese noch eher verschärft. Schließlich geht es jetzt auch darum wer die Region in Zukunft verwalten soll
    In der Region sind mehrere verschiedene bewaffnete Verbände aktiv, die zwar alle gegen den IS kämpfen, die aber auch miteinander rivalisieren. Hier sind zunächst die Milizen der Êzîdî selbst zu nennen: Im Sommer 2014 hatte sich im Zuge der Offensive des IS die Verteidigungskraft Şingals  Hêza Parastina Şingal (HPŞ) gebildet, die von der mit der Irakisch-Kurdistan regierenden PDK Masoud Barzanis unterstützt und von Angehörigen der Familie Şeşo kontrolliert wurden. Das Verhältnis zwischen HPŞ und PDK verschlechterte sich allerdings im Laufe des Herbstes 2014. Die Entfremdung der HPŞ von der PDK, die mit der Verhaftung von Haydar Şeşo ihren Höhepunkt erreicht hatte, endete damit, dass Teile der Familie Şeşo sich dem Aufbau einer eigenen Partei widmeten und deren Kämpfer sich stärker von der KRG und Barzanis PDK abwandten. Diese Gruppierung steht heute für einen êzîdîschen Nationalismus, der die Êzîdî nicht mehr als KurdInnen, sondern als eigene ethno-religiöse Gruppe sieht, die mit den KurdInnen nichts mehr gemeinsam habe. Diese Verschiebung äußerte sich im November 2015 auch in einer Umbenennung der Miliz in Verteidigungskraft von   Êzîdxan Hêza Parastina Êzîdxanê (HPÊ). Êzîdxan (wörtlich: Das Haus der Êzîdî) ist zugleich eine Bezeichnung für die traditionellen êzîdîschen Siedlungsgebiete, wie der Name der von êzîdîschen NationalistInnen propagierten eigenen êzîdîschen Entität. Damit wird der Anspruch erhoben auch über Sinjar hinaus für eine solche eigene Entität zu kämpfen.

    Die zweite êzîdîsche Miliz stellen die PKK-nahen Widerstandseinheiten von Şingal Yekîneyên Berxwedana Şingal (YBŞ) dar. Diese Einheit wurde zwar schon 2007, also vor dem Angriff des IS als es bereits jihadistische Angriffe gegen Êzîdî gab, gegründet, allerdings erhielt auch sie erst im August 2014 ihre Bedeutung bei der Verteidigung des Sinjar-Gebirges vor den jihadistischen Angreifern. Im Jänner 2015 wurde nach dem Vorbild anderer PKK-naher Truppen schließlich auch eine eigene Fraueneinheit gegründet, die zunächst unter dem Namen Frauenverteidigungseinheiten von Şingal Yekîneyên Parastina Jin ê Şengalê (YPJŞ) agierten, einem Namen der eng an die syrisch-kurdischen YPJ angelehnt war. Seit 26. Oktober 2015 nennt sie sich Fraueneinheit von Êzîdxan Yekinêyen Jinên Êzîdxan (YJÊ).

    Diese Umbenennung der Fraueneinheit der YBŞ stellt eine bemerkenswerte Annäherung an das politische Konzept der HPÊ dar. Schließlich gibt es keine einzige PKK-nahe Organisation, die ansonsten in ihrem Namen den vom êzîdîschen Nationalismus benutzten Begriff Êzîdxan in ihrem Namen führt. Aus Sicht der PKK waren die Êzîdî immer ein integraler Bestandteil des Kurdentums.

    Die Annäherung zwischen den beiden Strömungen wurde fast zeitgleich mit der Umbenennung der YPJŞ in die YJÊ auch organisatorisch vollzogen: Seit Oktober 2015 koordinieren sich HPÊ, YBŞ und YJÊ gemeinsam unter dem losen Dach einer Sinjar Allianz und beteiligten sich als solche an der Befreiung der Stadt Sinjar von den Jihadisten.

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    Die Stadt Sinjar ist weitgehend zerstört. Die Kämpfer des IS stehen immer noch 5km davon entfernt.

    Ob vergangene Konflikte, wie sie zwischen HPŞ und YBŞ gelegentlich sogar gewaltsam ausgetragen wurden, damit endgültige der Vergangenheit angehören, wird sich erst weisen müssen. Die Verhaftung Haydar Şeşos durch die PDK im April 2015 war jedoch bereits vom Parteichef der PYD, Salih Muslim scharf kritisiert worden. Seither ist es ganz offensichtlich zu einem bis heute anhaltenden Annäherungsprozess gekommen. Die Entfremdung zwischen PDK und HPÊ hat zu einer Annäherung von HPÊ und den PKK-nahen Gruppen geführt.

    Dies alles geschieht vor dem Hintergrund eines sich verschärfenden innerkurdischen Konfliktes zwischen Barzanis PDK und dem Parteienblock um die PKK, zu der auch die in Syrisch-Kurdistan regierende PYD gehört. Diese kurdischen Parteien sind mit ihren eigenen Milizen ebenfalls in Sinjar präsent. Die dort kämpfenden Peshmerga gehören überwiegend zu den Einheiten von Barzanis PDK, da die Peshmerga der PUK weiter südlich im Kerngebiet der PUK gegen den IS kämpfen. Auf Seiten der PKK sind schließlich sowohl die syrisch-kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG und YPJ, als auch die türkisch-kurdischen HPG in Sinjar präsent.

    Für die Zukunft Sinjars vertreten diese verschiedenen politischen und militärischen Strömungen völlig andere Konzepte. Während die PDK Sinjar in einen zukünftigen irakisch-kurdischen Staat integrieren will, streben die PKK-nahen Kräfte die Errichtung einen autonomen Kantons nach dem Vorbild der Kantone in Rojava (Syrisch-Kurdistan) an. In Haydar Şeşos HPÊ träumt man hingegen von einem eigenen Êzîdxan. Keines dieser Konzepte wird sich allerdings ohne eine Rückkehr der Bevölkerung verwirklichen lassen und diese lässt bislang ebenso auf sich warten, wie der militärische Sieg gegen den IS. Die Spannungen zwischen den verschiedenen Milizen führten im Juni 2016 schließlich zu einer Sperre des Gebietes. Derzeit dürfen oft nicht einmal die ehemaligen BewohnerInnen SInjars in die weitgehend zerstörte Stadt zurück.

    Ein schneller militärischer Sieg gegen den IS ist trotz der Eroberung Sinjars wohl eine Illusion. Zwar gibt es militärische Erfolge der irakischen Armee und der mit ihnen verbündeten schiitischen Milizen im Zentralirak. Allerdings ist der IS in Syrien offenbar weiter in der Lage in die Offensive zu gehen. Kurdische Peshmerga und irakische Armee scheinen bisher vor einem Angriff auf Mosul zurückzuschrecken. Die finanzielle Krise der Regionalregierung Kurdistans lässt diese seit Monaten keine Löhne mehr zahlen, auch nicht den eigenen Peshmerga. Selbst die Peshmerga der PDK in der Region beklagen, dass sei keine Waffen hätten und im gesamten letzten Jahr nur einen Monatslohn ausbezahlt bekommen hätten. Große Teile der bis zum Sommer von assyrischen Christen bewohnten Ninive Ebene sind weiter unter Kontrolle des IS oder aber so stark von diesem bedroht, dass eine Rückkehr der Flüchtlinge unmöglich ist.

    Den Flüchtlingen bleibt damit nichts anderes übrig als in den Camps auszuharren. Wer die Camps der Vertriebenen bei Xanke besucht, trifft auf verzweifelte und traumatisierte Menschen, die nur noch aus dem Irak weg wollen. Niemand setzt hier noch eine Zukunft. Eine Rückkehr nach Sinjar wird zumindest so lange von kaum jemanden ins Auge gefasst, solange der IS immer noch einige Kilometer weiter wartet. Die Wege nach Europa sind jedoch versperrt und für Menschen, die alles verloren haben, ist auch ein Schlepper nicht finanzierbar. Deshalb haben es auch im Herbst 2015 nur relativ wenige Êzîdî aus dem Sinjar nach Europa geschafft. Die meisten konnten sich nicht einmal mehr den Schlepper leisten, der sie mit einem Boot nach Griechenland bringen hätte müssen.

     

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