Douglas Adams, der beste Science Fiction-Autor aller Zeiten („Per Anhalter durch die Galaxis“), hat einmal drei Regeln für den Umgang der Menschen mit neuen Technologien formuliert, in denen die für ihn typische Mischung aus Humor und Weisheit steckt. Sinngemäß:
1. Was es schon gab, als wir Kinder waren, gehört zum Normalzustand der Welt.
2. Alle Entwicklungen, die wir zwischen 15 und 35 erleben, sind aufregend und eröffnen uns neue Möglichkeiten.
3. Alle Entwicklungen nach unserem 35. Geburtstag verstoßen gegen die natürliche Ordnung der Dinge.
Manchmal glaube ich, dass es uns mit großen politischen Entwicklungen wie der Europäischen Union nicht anders geht. Wenn ich mit österreichischen Jugendlichen rede, die nichts anderes als ein Leben in der Union kenne, dann ist das für die unvorstellbar, dass sie an Grenzübergängen nach Deutschland, Italien oder Ungarn stundenlang warten und die Kofferräume jedes Autos durchsucht werden. Wenn das Roaming für Mobiltelefone abgeschafft wird und sie in ganz Europa wie zuhause telefonieren können, dann ist das für sie keine interessante Weiterentwicklung, sondern nur das eh viel zu späte Herstellen von Normalität. Dass nicht alle EU-Länder den Euro haben und sie Geld wechseln müssen, überrascht sie eher als dass sie die Existenz des Euros überrascht.
Schlage ich aber einmal im Jahr die Kronenzeitung auf und lese ich dort die per Post geschickten Leserbriefe, zeigt sich das umgekehrte Bild: Alles, was in der EU geschieht, scheint gegen die natürliche Ordnung der Dinge zu sein. Die besteht dort in einem abgekapselten Österreich, am Besten noch mit Eisernem Vorhang.
Ich war 23, als ich über den EU-Beitritt abstimmte, ich habe mit Ja gestimmt. Ich bin am Eisernen Vorhang aufgewachsen und in meiner Kindheit hat die Welt wenige Kilometer nach meinem Elternhaus geendet. Österreich war ein Kleinstaat am Ende der freien Welt und mehr als die Hälfte des Landes eingezäunt vom Stacheldraht der Nachbarländer. Europa, das war aufregend und eröffnete neue Möglichkeiten, so wie Douglas Adams es sagt. Ich bin nicht vom Ende des Weltkrieges angetrieben wie die GründerInnen der Union, der Frieden war für mich schon selbstverständlich. Für mich hat der Beitritt eine räumliche und geistige Enge beendet, in die will ich mich auch nicht mehr einsperren lassen. Der Betritt riss die Fenster auf und ließ frische Luft herein! So sehe ich es immer noch, tief drin: Die Union ist nicht selbstverständlich, sie ist auch nicht unnatürlich, sie ist etwas, das entsteht und geschaffen wird und deshalb wollte ich wohl politisch immer auf dieser Ebene arbeiten.
Kann Sebastian Kurz so einfach auf europaskeptischen Populismus schwenken, weil er die EU tief drin als selbstverständlich annimmt und gar nicht glaubt, dieses Projekt nachhaltig beschädigen zu können? Man sollte eine witzige Idee eines Schriftstellers nicht überstrapazieren und das wäre bei zu viel indiviueller Psychologisierung sicher der Fall. Aber wenn man sich zum Beispiel die Ergebnisse der Brexit-Abstimmung ansieht, spiegelt sie Adams Analyse wieder: Die Jungen wollten bleiben, die Älteren wollten raus. „Ihr habt unsere Zukunft gestohlen“, diesen Vorwurf hat man in der Folge in britischen Medien oft gehört.
Heute ist Europatag. Für mich ist das immer noch eines der aufregendsten politischen Projekte auf diesem Planeten, ach was: das Aufregendste. Die Welt entwickelt sich, Abschottung wird nie wieder möglich sein, sie war auch nie die natürliche Ordung der Dinge. Aber wie sich die Welt entwickelt, das muss gestaltet werden und die EU ist das Werkzeug dazu.
Alle sollten daran mitarbeiten. Und während wir von den Jüngeren vielleicht einige motivieren müssen, Europa nicht als zu selbstverständlich und gegeben zu sehen, sehe ich da ganz besondere Bedeutung bei jener Generation, die beim Beitritt schon über 35 war. Denn natürlich ist Adams Modell ein Klischee, deshalb funktioniert es ja. Abseits des Klischees kenne ich hunderte Menschen jener Generation, die die natürliche Ordnung des abgeschotteten Nationalsstaats noch so gut kennen, dass sie dazu nicht zurückwollen. Sie können und sollten diese Erfahrung einbringen und nicht den LeserbriefschreiberInnen die Hoheit überlassen. Europa zu gestalten ist ein demokratischer Kampf, wir sollten ihn alle gemeinsam mit Leidenschaft führen.
PS: Die Douglas-Adams-Fans gedenken ihrem Lieblingsautor jedes Jahr am Towel Day, dem 25. Mai. Nächstes Jahr ist das ein Samstag, der letzte Tag des Europa-Wahlkampfes. Schauen wir, dass dann am 26. Mai die Hoffnung gewinnt.
PPS: Die Idee zu „Per Anhalter durch die Galaxis“ hatte Douglas Adams nach eigener Aussage, als er in Innsbruck nach einer Kneipentour in einer Wiese landete und leicht betrunken in den Sternenhimmel schaute. Innsbruck ist ein gutes Pflaster.

Veröffentlicht von Michel Reimon