Ich werde die amerikanische Regierung nicht überraschen, wenn ich sage: Es gibt Spionage. Tatsache. Es gibt Menschen, die stehlen Dokumente und verkaufen diese an Feinde. Ich bin sicher, die amerikanischen DiplomatInnen bedenken das und schreiben jede ihrer Depeschen so, als ob ein Spion sie abfangen und dem schlimmsten Feind verraten würde. Oder einem Freund. Alles andere wäre ziemlich unprofessionell, nicht wahr?

Im Ernst: Glaubt tatsächlich jemand, dass die deutsche Regierung das allererste Mal herausgefunden hat, was amerikanische DiplomatInnen über deutsche PolitikerInnen schreiben? Dann wären die deutschen Nachrichtendienste aber ziemlich schlecht. Jetzt ist das Leck eben öffentlich. So what? Diplomatie und Politik werden weitergehen wie nach jedem Spionagefall.

Neu an WikiLeaks ist nur, dass die gestohlenen Dokumente nicht im Kreml oder im Bundeskanzleramt landen, sondern auch von Menschen gelesen werden können, die im Vergleich dazu eher ungefährlich sind, weil sie ZivilistInnen sind. Also von uns allen. Und vor allem von US-BürgerInnen. Die können nun ihre Regierung auch für ihre Diplomatie zur Verantwortung ziehen. Ich vermute, das regt die amerikanische Regierung am meisten auf.

Aber ich finde das spannend. Bitte mehr davon.

Veröffentlicht von Michel Reimon