Also gut, wir müssen den Menschen besser zuhören, dann wählen sie keinen Trump, keinen Hofer, keine Le Pen und stimmen nicht für den Brexit.

Was bitte soll das heißen? Wer ist wir? Was ist besser zuhören? Ich bin gerade im Burgenland, war einkaufen, hab eine langjährige Bekannte getroffen und wir haben uns etwas unterhalten, sie hat mir erzählt, wie es ihr geht. Wie schaut jetzt der Modus aus, in dem ich „besser zuhöre“? Soll ich betroffen dreinschauen, oder was?

Also erstens: Ich bin einer von den ganz normalen Menschen und meine Bekannten sind ganz normale Menschen. Ich muss sicher nicht „den Menschen“ besser zuhören, weil ich die Elite bin. Das erzählt Strache herum, aber dem glaub ich nix, und das glaub ich ihm schon gar nicht. Ich lass mir von ihm und von Betroffenheitskolumnisten sicher nicht erzählen, dass ich kein normaler Typ wäre.

Und zweitens: Ich reise durchs Land, soviel nur geht, durch alle Bundesländer. Ich höre zu, ich lese mit – und ich antworte sogar. Rund um die Uhr. Auf Augenhöhe. Ich sag rassistischen Trotteln daher auch, dass sie rassistische Trottel sind und bedaure sie nicht auch noch in ihrer Täter/Opfer-Umkehr. So herum erzählt Strache die Gschicht, aber dem glaub ich nix, und das glaub ich ihm auch nicht.

Und drittens: Was soll jetzt dieses Gejammere, dass das Internet und facebook und all diese Postings Schuld wären? Die Leute da draußen wünschen sich die Vergangenheit zurück, lese ich. Vielleicht. Aber niemand wünscht sich die Vergangenheit so sehr zurück wie der politmediale Komplex. Die Arbeiter haben Kreisky-Nostalgie? Ja und? Das versteh ich 1000x besser als die Leserbrief-Nostalgie: Das, was das der Arbeiter öffentlich verbreiten darf, suchen schon immer noch wir aus… Hach, war das schön.

Ich sag euch was: Die Menschen sind ermächtigt. Nicht nur durch facebook und postings, das ist nur das i-Tüpfelchen. Die Leute sind nach 70 Jahren Frieden und Wirtschaftsaufschwung auch ökonomisch ermächtigt. Ich lese „Die Leut haben ein Smartphone, zwei Autos, drei Urlaube im Jahr und vier Fernseher und sind immer noch unzufrieden.“

Ja, stimmt, verdammt noch mal. Weil sie nichts mitzureden haben. Aber im Gegensatz zu früher könnten sie und wollen auch. Sie sind nicht mehr die armen Kohlengrubehackler, die 16 Stunden schuften und froh sind, wenn das Zimmer warm ist. Zum Glück. Sie sind in der Bedürfnispyramide weiter oben. Sie kaufen ihr Zweitauto und suchen bis hin zum Bezug der Autositze jedes Detail aus, wenn sie zu H&M einkaufen gehen, hängt jetzt ein iPad neben dem Ausgang, wo sie direktes Feedback zu jedem Detail des Einkaufes geben können. Verdammt, man kann inzwischen auf öffentlichen Häusln in Einkaufszentren digital die Sauberkeit bewerten.

Aber wählen darf man alle fünf Jahre und den Rest der Zeit soll man zuschauen und die Pappn halten? Das soll die Leute nicht wahnsinnig machen?

Ehrlich, mich erinnert das ganze Gejammere und Geseiere total an Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit: Das Bürgertum steigt auf, wird wohlhabend und einflussreich, aber der Adel hat sein höfisches Zeremoniell und bestätigt sich seine Wichtigkeit, und in dieser Öffentlichkeit kommen die Bürger nicht vor. Die schaffen sich also ihre eigene, mit Salons und Kaffeehäusern und Lesezirkeln, und in dieser neuen Öffentlichkeit wird über neue Politik geredet. Metternich schickt seine Spione aus, und wahrscheinlich hat man am Hof auch gesagt: „Wir müssen den Leuten besser zuhören. Ein Wahnsinn, diese ganzen Hasspostings in den Lesezirkeln. Habt ihr die Gedichte von diesem Schiller gelesen???“

Nein, man muss den Leuten nicht besser zuhören. Man muss sie mitreden lassen. Das sind keine Hascherln, die uns brauchen, um ihre Sorgen in Politik zu übersetzen. Das sind wahlberechtigte Staatsbürger. Punkt.

Die parlamentarische Demokratie, wie sie im letzten Strukturwandel der Öffentlichkeit ersonnen wurde, und wie wir sie heute haben, ist optimiert für den Flächenstaat des 18. Jahrhunderts. (!!!). Die Menschen wollten mitreden, also haben sie Vertreter gewählt, die sich aufs Pferd gesetzt haben und in die Hauptstadt geritten sind und dort im Parlament diskutiert haben. Mehr ging damals nicht.

Heute geht mehr. Und nein, das ist nicht das Ende der parlamentarischen Demokratie. Niemand wird wollen, dass alles direktdemokratisch erledigt wird. Politik besteht zu 99 Prozent aus Themen, um die man sich nicht kümmern will, während man sein Kind vom Kindergarten holt und noch den Einkauf beim Billa erledigen muss. Aber da ist dieses eine Prozent, um das man sich kümmern will. Und da darf man nicht mitreden, obwohl man könnte. Obwohl man doch das Recht dazu hat. Nicht das juristische Recht, das der Verfassung, das „des Systems“… sondern das moralische Recht. Es ist unser Staat, unsere Demokratie. Und wenn wir nicht mitreden dürfen *obwohl wir könnten*, ist es keine Demokratie…

Das geht vielleicht noch, solange man das Gefühl hat, dass es eh läuft. Aber wenn es das nicht mehr tut? Wenn man Abstiegsangst bekommt? Dann soll man zuschauen? Und wenn jahrelang nix weiter geht, soll man weiter nur zuschauen? Echt? Das wäre doch fahrlässig. Natürlich steigt da der Druck. Natürlich will man da irgendwas tun… das fühlt sich dann schon an wie Notwehr!

Ich versteh das. Nein, ich werde den Menschen nicht besser zuhören. Ich werde sie reden lassen.

So. Wutausbruch Ende. Danke fürs zuhören.

Veröffentlicht von Michel Reimon