Etwas Persönliches über Religion, Ideologie und Toleranz:

Ich bin eigentlich Burgenlandkroate, aber aus jener Generation, deren Eltern die Muttersprache aufgegeben hat. Ich habe nie kroatisch gelernt. Ich wurde katholisch getauft und unterrichtet und bin so aufgewachsen, aber ohne viel Bezug dazu. Als Teenager hab ich dann viel über Religion und das historische Christentum im Besonderen gelesen und fühlte mich betrogen. Ich wurde also Atheist und habe alles rund um Religion sehr vehement abgelehnt. Das Sündenregister des Christentums hab‘ ich quasi auswendig gelernt und bei jeder Gelegenheit… runtergebetet.

Dann, in der globalisierungskritischen Bewegung, stand ich immer wieder Seite an Seite mit religiösen Menschen, die für oder gegen dieselben Sachen kämpften wie ich. Wir waren uns politisch einig, aber sie waren gläubig. Ich verstand das nicht und hab‘ viel mit ihnen diskutiert. Bis heute verwirrt es mich immer wieder, dass auch Menschen mit schneidend scharfer Intelligenz so ein irrationales Weltbild haben können. Und ich bin versucht, ein Smiley hinter diesen Satz zu machen, da muss ich selbst schon schmunzeln.

Aber ich habe meinen Frieden mit ihnen gemacht. Mehr als das, ich habe sie schätzen gelernt. Was, nur zum Beispiel, Caritas und Diakonie leisten, kann kaum hoch genug bewertet werden. Na sollen die Leute halt gläubig sein, was soll’s. Ich werde ihnen nicht die Kreuzzüge, den Genozid an den Katharern, die Ermordung von Giordano Bruno und die Kooperation der Kirchen mit den Faschisten vorwerfen, wenn sie Alte betreuen oder Flüchtlinge versorgen. Ich werfe ja auch nicht mit jedem Kommunisten Stalin vor.

Das führt mich jetzt natürlich zu meiner Auseinandersetzung mit dem Islam: Als Atheist halte ich ihn für schlicht und einfach falsch. Auf politischer Ebene muss es undenkbar sein, dass wir unsere Gesellschaft nach einer Religion, einem heiligen Buch, einer davon abgeleiteten Tradition oder einem Prediger ausrichten.

Da mag es kleine Einschränkungen geben: Dass Ostermontag ein staatlicher Feiertag ist, führt nicht gleich zum Untergang der Republik, wenn die eine oder andere islamische Tradition mein Leben berührt, ist das auch keine Katastrophe. Kompromisse zeichnen die Demokratie aus – ich lege Wert darauf, dass mein Staat säkular ist, aber auch tolerant. Das heißt: Er erlaubt vielfältige Lebensentwürfe.

Der islamistische Fundamentalismus ist wie jeder Fundamentalismus damit nicht zu vereinbaren, er ist intolerant. Ist das das Wesen des Islam? Grundsätzlich ist das in jeder Ideologie/Religion möglich. In Burma gibt es radikale buddhistische Mönche, die gegen Muslime hetzen, in Indien sind es Hindus. Und natürlich gibt es auch fundamentalistischen, intoleranten Atheismus.

Ich glaube, es ist ein Wesenszug vieler Menschen, der in jeder Ideologie zum Ausdruck kommen kann. Im Christentum und im Kommunismus sind solche Strömungen derzeit schwach und nicht gesellschaftlich relevant. Im Islam sind sie derzeit stark, im lange geschwächten Nationalismus erstarken sie wieder mit Lichtgeschwindigkeit.

Apropos Nationalismus: Ich arbeite mit VertreterInnen von Minderheiten, die ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Traditionen, ihre Identität schützen wollen: Konkret mit JezidInnen, mit KurdInnen, mit KatalanInnen, SchottInnen, Roma und Burgenland-KroatInnen. Sind das NationalistInnen? Sicher nicht nach der Definition „zu denken, dass die eigene Nation besser und wichtiger als andere ist.“ Das tun diese Menschen nicht, im Gegenteil, sie leiden oft unter diesem Nationalismus einer Mehrheit, die ihre Minderheiten-Kultur unterdrückt und sogar auslöschen will.

Die Trennlinie ist wichtig: Wer eine Kultur erhalten möchte, steht auf meiner Seite. Wer eine unterdrücken möchte, nicht. Die Katalanin oder Burgenlandkroatin, die dafür kämpft, dass ihre Muttersprache an der Schule unterrichtet wird, bekommt meine Unterstützung. Ich weiß bis heute nicht, welchen Vorteil ich davon hätte, eine Sprache nicht zu können. Der deutschtümelnde Nationalfreiheitliche, der Deutschpflicht im Pausenhof fordert, ist daher der politische Gegner.

Was heißt das politisch? Ich arbeite mit ChristInnen, MuslimInnen, Jüdinnen und Juden, JezidInnen und so weiter zusammen, auch mit Konservativen, SozialdemokratInnen, Liberalen, KommunistInnen und vielen VertreterInnen von Minderheiten-Parteien. Wichtig ist, dass ihr politischer und religiöser Bezugsrahmen tolerant ist. Sie sollen glauben, was sie wollen und mit anderen Kompromisse suchen. Wenn jemand sein Weltbild, seine Kultur den anderen aufzwingen will, ist die Grenze überschritten. (Und natürlich darf man ganz erbittert streiten, unbedingt!!!)

Ich sehe also keinen Kampf des Westens gegen den Islam. Ich sehe einen Kampf der Toleranz gegen den Fundamentalismus, der Vielfalt gegen die Einfalt. Die Gegner sind die Vereinfacher, egal ob sie Islamisten oder Nazis sind.

Veröffentlicht von Michel Reimon