Stell dir vor, du machst deinen Job seit langer Zeit gar nicht so schlecht, engagierst dich daneben auch für gesellschaftliche Belange und bist unterm Strich halbwegs sympathisch. Dann gehen „die Leute“ meist freundlich mit dir um. Hin und wieder streitest du mit jemandem, manchmal auch persönlich. Aber es stürzen keine wildfremden Menschen auf dich zu und kritisieren dich emotional, ungehemmt und vor allem: ungefragt. Das passiert dir nicht.

Und dann gehst du in die Politik. Selbst wenn du das für eine 30%-Partei tust, hast du plötzlich 70% GegnerInnen. Bei einer Kleinpartei noch mehr. Und die eigenen schauen auch kritisch: Sie gehen davon aus, dass du ihre Meinungen vertrittst. Wenn du sieben Sätze sagst, von denen sie sechs zustimmen, dann wollen sie nun über den siebenten diskutieren, wo du falsch liegst. Wenn im Raum genügend Leute sind, ist auch für jeden ein anderer Satz da. Früher hätten sie dir sechs mal recht gegeben. Und wenn du alles richtig hinkriegst, dann hat halt irgendwer aus deiner Partei irgendwann irgendwas Falsches gesagt.

Von einen Tag auf den anderen hast du – ohne dich nur einen Millimeter geändert zu haben – mehr GegnerInnen als Freunde. Du machst für fast jeden fast alles falsch. Und weil du PolitikerIn bist, bekommst du das deutlich mitgeteilt. Jederzeit. Beim Einkaufen, beim Ausgehen mit deiner Partnerin, wenn du den Browser oder das Mailprogramm öffnest. Immer. Du wirst mit Steuergeld bezahlt, das gehört zu deinem Job, sagen deine Chefs. Denn die WählerInnen sind deine Chefs, egal ob sie dich gewählt haben oder nicht.

Du stehst da und denkst dir „He, ich bin ja immer noch der Selbe, warum prügelt ihr mich plötzlich alle?“ Ja, du bist noch der Selbe, aber nicht mehr der Gleiche. Deine Welt hat sich geändert.

Das ist eine persönliche, heftige, sehr tiefe Kränkung.

Das sage ich ganz ohne jammern, einfach nüchtern festgestellt. Ich zeige auch nicht mit dem Finger auf „die Leute“, auf euch. Ich war und bin ja auch so. So ist es eben. Und erst wenn du diese Kränkung akzeptiert hast, kannst du Politik machen.

Veröffentlicht von Michel Reimon