Weiß nicht, irgendwie kann ich den ganzen kurzfristig taktischen Wahlanalysen gar nichts abgewinnen.
Irgendwann im Vorfeld des VdB-Wahlkampfes hatten wir eine interne Umfrage, in der die Grünen bei rund 15 Prozent lagen – aber eine der vielen anderen Zahlen viel interessanter war: StammwählerInnen-Anteil 2%.
Der Rest sind WechselwählerInnen. Eine Stammwählerschaft wie die SP und VP in den 50ern und danach haben die Grünen nie aufgebaut, übrigens auch die FP nicht (und Neos, Stronach, BZÖ usw, usf).
Das gibts nimmer. Das der Effekt so extrem ist, war schwer zu glauben, aber mit 3,8 bei einer Nationalratswahl kann man nur sagen: Das stimmt wohl.
Und das hat seine guten Seiten, nämlich demokratiepolitische. Ich bin, wenig überraschend, natürlich Stammwähler, aber eines liegt auf der Hand: WechselwählerInnen bestimmen die Politik viel stärker. Es ist gut für die Demokratie, wenn es Entscheidungen und Veränderungen gibt. Grundsätzlich. Uns muss sicher nicht jede davon gleich gut gefallen. Aber es gibt viel Bewegung.
So ist es möglich, dass die Salzburger Grünen von rund 4 Prozent bei der Nationalratswahl im Bundesland Salzburg auf 9,3 bei der Landtagswahl kamen.
So kann Georg Willi in Innsbruck als Erster ins Bürgermeister-Rennen gehen.
Deshalb sind aber auch alle kurzfristig denkenden Analysen, was Georgs Erfolg für die Grünen heißt, irreführend.
In Innsbruck steht ein guter Kandidat zur Wahl, der offensichtlich geschätzt wird in dieser Stadt. Ich war vor ein paar Wochen mit ihm nach einem Termin noch unterwegs und hab das selbst erlebt. Den Georg kennen dort alle und mögen viele. Wenn er Bürgermeister wird, dann aus eigener Kraft.
Niemand wird ihn wählen, um den Grünen einen Gefallen zu tun, sondern alle nur, weil das konkrete Angebot passt. Er kann die Stichwahl gewinnen. Er. Dann kommen wohl lauter „Grüne Auferstehung“-Kommentare und irgendwie find ich die jetzt schon nicht gescheit.
Also, langfristiges Fazit: Es gibt kaum noch StammwählerInnen und das ist demokratiepolitisch eh gut so. Wir müssen bei jeder Wahl um jede Stimme kämpfen, und deshalb ist das gut so. Ein gutes Ergebnis garantiert für die nächste Wahl keinen Erfolg, ein schlechtes prognostiziert für die nächste keine Fortsetzung.
Jede Wahl muss die Fragen beantworten, die die WählerInnen dabei stellen. In Europa wird das der autoritäre Raubtierkapitalismus von rechten Regierungen, Großkonzernen und Industrie-Lobbys sein, die Zukunft der europäischen Demokratie und hoffentlich wird auch die Klimakatastrophe zur Wahl stehen. Das ist nämlich die Ebene, auf der wir sie noch verhindern können. Das sind die Antworten, die wir nächstes Jahr geben müssen.

Veröffentlicht von Michel Reimon