Gestern abend im Museumsquartier: Sonne, Bier, freundliche Menschen und nette Musik. Das klingt fast wie jeder andere Sommerabend im MQ, war aber eine Demo gegen eine strengere Kontrolle der Hausordnung und gegen Konsumzwang.

Ach wie leicht ließe sich darüber raunzen: Wirtschaftskrise, EU-Wahl-Desaster, Martin Graf – und die Bobo-Jugend interessiert sich für ihr Dosenbier. Bitte, ich hab ausnahmsweise mal nicht mitdemonstriert, sondern habe meinen Hopfensaft brav im Cafe Leopold käuflich erworben und das Spektakel erste Reihe fußfrei beobachtet. Und ich fand’s super: Die Aktion entstand spontan aus einer Facebook-Gruppe, die binnen weniger Tage fast 20.000 Mitglieder erreichte, die Medien auf das Thema aufmerksam machte und ohne großer Infrastruktur eine Demo mit ein paar hundert Leuten auf die Beine brachte. Das ist ein Musterbeispiel für politisches Engagement, selbst wenn das Thema zugegeben recht wohlstandsgelangweilt klingt.

Und? Wen stört’s? So oft habe ich in den letzten Jahren gelesen: Das Netz wird neue politische Bewegungen hervorbringen, neue Aktionsmöglichkeiten schaffen, Politik generell ändern, etc, etc, etc, blablabla. Aber gestern habe ich es –  fast nebenbei – tatsächlich gesehen. Und auch wenn es nur die ultralight-Version eines politischen Protestes war, egal. Das Prinzip gefällt. Und „wirklich wichtige“ Anlässe, was immer das sein mag, werden schon noch kommen. Im Iran sind sie schon da…

Demonstrationen brauchten immer zentrale Organisation und dezentrale Selbstorganisation. Das wird so bleiben, aber die Gewichtung verschiebt sich radikal. Schon die globalisierungskritischen Demonstrationen von Seattle 1999 bis Genua 2001 waren von AktivistInnen mit Internet und Handy organisiert worden: viel wurde dezentral erledigt, aber ein Kern von AktivistInnen und Organisationen von Ort traf letztlich alle maßgeblichen Entscheidungen.  E-Mail-Verteiler, Foren und selbst Webseiten wie IndyMedia waren geradezu geschlossene Veranstaltungen im Vergleich zu Facebook, Twitter und ein paar gut vernetzten Blogs (siehe auch Grüne Vorwahlen bzw die Reaktionen darauf, darüber schreibe ich demnächst noch was).

Was das bedeutet? Im Moment nicht viel, die MQ-Leitung hat’s ja eh nicht bös gemeint. Aber meine nächste Demo organisiere ich über Facebook. (Oder was immer dann gerade en vogue ist… Schließlich gilt: This is beta.)

Veröffentlicht von Michel Reimon