Vor  einem Monat gab es bei den Grünen einen social media-Workshop, veranstaltet von externen Trainern (räusper, wollen die genannt werden?). Dabei brachte Ewa Dziedzic die Sprache auch darauf, welche sozialen Strukturen wir auf twitter reproduzieren. Ich hatte ziemlichen inneren Widerstand gegen die These, dass politische Diskussion auf twitter vornehmlich männlich geprägt ist, schließlich folge ich sehr vielen Frauen, die sich stark in die Debatte einbringen. Ich hätte gewettet, dass diese Verzerrung auf twitter spürbar geringer ist als in den meisten anderen Medienkanälen. Allerdings hab ich als weißer heterosexueller Mann auch schon gelernt, dass ich für solche Fragen nicht den perfekten Sensor hab. Also hab ichs einfach ausprobiert und beschlossen, für einen Monat nur Frauen und Nachrichten-Accounts zu folgen. Der Monat ist heute um.

Die häufigste Frage, die mir (von Männern) gestellt wurde:

Was hast du über Frauen gelernt?
Nun, nichts. Ich hab nicht mit Frauen experimentiert, sondern mit meinem Nachrichtenkonsum, also hab ich auch nur über meinen Nachrichtenkonsum etwas gelernt. Ich bin 550 accounts gefolgt. Nachdem ich alle Männer entfolgt habe, blieben ca 250 Frauen und geschlechtsneutrale News-Channel übrig. Mein Männer:Frauen Verhältnis war also ca. 3:1. Am ersten Tag hatte ich ziemliche Entzugserscheinungen. Mit nur noch 40% der Accounts lieferte twitter plötzlich kaum updates. Ich habe dann im Laufe der nächsten Tage nochmal rund 200 an Politik und Medien interessierte, tendenziell linke Frauen geaddet. „Über Frauen“ sagt mir das Experiment schon deshalb nichts, weil meine Auswahl sich ganz unrepräsentativ an meinen Interessen orientierte. Wenn, dann kann ich was über „an Politik und Medien interessierten tendenziell linken Frauen“ sagen: Feminismus ist für sie immer noch das wichtigste Thema, wenn Anzahl von Tweets und spezialisierten Accounts als Gradmesser durchgehen. Aber natürlich, ich hab das durch meine Auswahl verzerrt: Hätte mich Feminismus nicht interessiert, hätte ich auch kaum tweets dazu in der timeline gehabt.

Der Ewa-Test
Ich hatte also nur tweets von Frauen in der Timeline – und davon nur jene, in denen sie keine Männer adressiert haben, weil die ja ausgeblendet wurden, weil ich Männern nicht folgte. Und das hat tatsächlich zu einer massiven Veränderung meiner Wahrnehmung von politischen Diskussionen geführt. Ich hab im letzten Monat aus den Medien über verschiedene politische Diskussionen auf twitter erfahren und mehrere storifys gesehen, die vollkommen an mir vorbei gegangen waren. Von accounts, die ich kannte und die ich zuvor mitbekommen hätte. Mit der Zeit hat mich das Experimenterl an den Bechdel-Test erinnert: Der zeigt auf, wie sehr auf Männer konzentriert unsere Medienproduktion ist. Selbst wenn in einem Film oder Buch zwei Frauen miteinander reden, dann oft wieder nur über das, was ein Protagonist tut oder ihr Verhältnis zu ihm. Ein Film oder Roman besteht den Bechdel-Test, wenn darin mindestens einmal zwei Frauen miteinander reden – über ein beliebiges Thema, aber nicht über einen Mann (#incommunicado scheitert daran).
Ich habe dann begonnen, das ganze Experiment nach meiner Ideengeberin den Ewa-Test zu nennen: Bekommt man einen Überblick über eine politische Diskussion, wenn nur Aussagen (Artikel, Blogposts, tweets) von Frauen und davon nur solche, die sich nicht an Männer richten, zählen? (Ich hatte übrigens tweets von Männern in der Timeline, die von Frauen retweeted wurden. Die müsste man konsequenter Weise auch noch filtern.)

Fazit: Es gab im ganzen Monat keine einzige tagesaktuelle politische Diskussion, die den Ewa-Test bestand.

In die Nähe kam nur das #ZiB2-Interview von Beatrix Karl zur Vergewaltigung eines minderjährigen Häftlings. Aber da hab ich den #ZiB2-Hashtag und viel auf Facebook gelesen. Da Florian Klenk und am nächsten Tag Michael Hufnagl in der online-Diskussion eine große Rolle spielten, hat sie den Ewa-Test also sicher nicht bestanden.
Sonst war da nichts. Als das Team Stronach meinen Freund Rudi Fussi klagen wollte, habe ich es z.B. drei Tage nicht mitbekommen und dann hat es mir jemand am Telefon erzählt.

Banale Wahrheiten.
Wenn jetzt jemand sagt: „Michel, das ist alles banal, wir wissen ja, wie solche Diskussionen geprägt sind“, muss ich zustimmen. Ich hab dutzende, vielleicht hunderte Texte zu dem Thema gelesen. Deshalb hab ich auch nicht viel Lust, das Experiment in aller Ausführlichkeit zu schildern. Theoretisch ist jedem halbwegs aufgeklärten Menschen alles bekannt, was ich so an großen und kleinen Beobachtungen machen konnte.

Es praktisch zu erleben, das war spannend. Das kann ich euch, vor allem den Männern, aber nicht besser vermitteln, als all die Texte und Studien, die ihr schon gelesen oder von denen ihr schon gehört habt.

Das müsst ihr, wenns euch interessiert, selber erleben.

Veröffentlicht von Michel Reimon