Spätestens seit den 70ern wissen ExpertInnen, was den Klimawandel verursacht, in welche Katastrophe er ungehindert führen wird und was man tun kann, um ihn abzuschwächen.

Im Gegensatz zu AKWs und großen Wasserkraftwerken, zu saurem Regen, Feinstaub, Abholzungen und anderen Umweltproblemen war die Klimakatastrophe aber schwer greifbar, weil der Schaden einst in der fernen Zukunft lag.

Inzwischen ist die Zukunft da. Einzelne Hitzerekorde, Dürren, Waldbrände sind nur Signale, noch nicht der Todesstoß. Es wird wohl auch keinen Stoß geben, es wird ein schleichendes Elend mit Schwankungen. Jedes kühle Jahr wird den Druck etwas mildern.

Aber die Zeit wird unerbittlich sein: 40 Jahre haben wir verloren, nochmal 40 Jahre sind nicht so weit weg. Meine Tochter liegt neben mir auf der Couch, während ich das schreibe. Sie hat ihre ersten Schulferien. In 40 Jahren ist sie so alt wie ich jetzt und steht mitten im Leben. Bis dahin haben wir das 2-Grad-Ziel verpasst.

Das war so lange ein Hoffnungsschimmer der Wissenschaft: Eine Beschränkung des Temperatur-Anstiegs um 2 Grad ist machbar, die negativen Auswirkungen sind handhabbar, zumindest für die reichen Nationen und die entscheiden letztlich über den CO2-Ausstoß. Nun, die Politik hat es vergeigt. „Machbar“ hieß immer: Wir haben noch Zeit. Bis wir nun keine mehr haben. Und die Reaktionären denken ja auch nicht um, da müssten sie Fehler zugeben. Egal ob Donald Trump, Angela Merkel, Sebastian Kurz oder Norbert Hofer: Sie alle führen die Überhitzungspolitik weiter, streichen sogar bereits erreichte Erfolge. Wir werden das 2-Grad-Ziel also verpassen, unsere Kinder werden in der Klimakatastrophe leben.

Der Spiegel schrieb diese Woche: „Bei drei Grad, so Robert Watson, der früher für die Vereinten Nationen Lösungen für den Klimawandel, wie es verharmlosend heißt, suchte, werden die Küstenstädte der Welt verloren gehen, womöglich New York, Hamburg, Kalkutta, Bangkok und viele mehr. Bei vier Grad wird in Europa permanente Dürre herrschen, weite Teile Chinas, Indiens und Bangladeschs werden zu Wüsten, der Südwesten der USA wird unbewohnbar. Bei fünf Grad, so sagen es einige der führenden Wissenschaftler, droht das Ende der Menschheit.“

Und irgendwo im Netz las ich diese Woche sinngemäß: Dass ausgerechnet jene, die sich vor jedem einzelnen Flüchtling fürchten, in Zukuft für die größte Migrationsbewegung aller Zeiten verantwortlich sind, ist bizarr. Ja, es ist bizarr und es wird eine Katastrophe mit Anlauf.

Und die ökologischen politischen Bewegungen sind in der Krise. Natürlich gibts Gegenbeispiele, derzeit vor allem Groenlinks in Holland, aber gerade aus europäischer Perspektive muss man das Ganze sehen: Es ist noch keine zwei Jahre her, da wurden die österreichischen Grünen nach dem Wahlsieg von VdB weltweit als Vorbild gefeiert. Nun, wir waren damals nicht so weit oben, wie manche glaubten. Wir sind nach der Nationalratswahl nicht so weit unten, wie manche wünschen.

Aber das globale Gesamtbild ist: Ökologische Parteien müssen sich neu erfinden. Wir müssen das deshalb, weil unsere wichtigste Strategie ausführlich getestet und gescheitert ist: Aufklärung über Umweltschutz führt nicht zu politischem Druck und anderem politischem Handeln. Ich sage oft mit einem entschuldigenden Lächeln: Wir sind eine LehrerInnen-Partei. Wir glauben, dass wir mit der Vermittlung von Wissen allein die Welt besser machen. Aber alle wissen von der Klimakatastrophe, alle sehen sie, 97% der Wissenschaftler sind sich einig und außer ein paar Rechtsextremen und neoliberalen Lobbyisten bestreitet sie auch niemand – aber Wissen allein reicht nicht. Aufklärung reicht nicht. Das ist ernüchternd und stellt das Selbstverständnis vieler Grünen – europaweit – auf den Prüfstand. Eine Demokratie, in der wir uns inhaltlich nicht mit Fakten und Diskurs, sondern mit Machtkampf und Ellbogen durchsetzen… die ist einfach nicht unsere.

Und ich schaue den Rechten zu, wie sie ihre nationalistische, völkische, rassistische, konzernhörige, kurzsichtige Politik durchdrücken auf dem Rücken der Ärmsten machen und denen noch „Wir sind das Volk“ ins Gesicht brüllen, während unter praktisch jedem Posting eines Progressiven ein anderer drunterschreibt: Also ich finde eine Sichtweise, mit der man das noch viel differenzierter zerlegen kann. Als wär’s ein Sport. 400 Meter-Hirnwixen-Hürdenlauf, einmal im Kreis und am Ende steht man dort, wo man am Anfang war. (Ja, die 400m-Strecke ist ein Oval, kein Kreis. Das meine ich.)

Die Klimakatastrophe kommt und sie wird das wegwaschen. Es wird keine Zeit bleiben, viele Runden zu drehen, wir werden Lösungen umsetzen müssen und das werden harte Konfrontationen.

Wenn die Temperatur in unseren Städten steigt, werden wir lokale Lösungen brauchen, um das erträglich zu halten. Ein Baum ersetzt mehrere Klimaanlagen, wir werden hunderttausende in unsere Gemeinden pflanzen müssen. Fassaden begrünen und öffentliche Flächen bepflanzen, vom Buswartehäuschen bis zum Rasenstreifen zwischen den Bim-Schienen. Wir werden Vorschriften machen müssen: Wenn ich durch Österreich fahre sehe ich vor fast jedem Dorf einen Kreisverkehr, an fast jedem Kreisverkehr einige Supermärkte (nur mit dem Auto erreichbar) und vor jedem Supermarkt große Asphaltflächen. Die werden bepflanzt werden müssen. Und es wird nicht nur nicht mehr geben dürfen, sondern weniger. Das regelt kein Markt und kein individuelles Konsumverhalten. Das regelt die Raumplanung, in Österreich in Landes- und Kommunalthema. Ja, die Klimakatastrophe zu verhindern wäre eine globale Aufgabe gewesen, sie zu begrenzen ist es auch. Aber ihre Auswirkungen zu managen ist Lokalpolitik. Grüne Politik. Der Lobau-Tunnel, die dritte Piste in Schwechat, der Transit in den Alpen – das sind unsere Kämpfe und sie werden härter werden.

Die Klimakatastrophe ist die größte Herausforderung der nächsten Jahrzehnte und die Existenzberechtigung der Grünen. Aber sie ist kein isoliertes Thema. Man kann nicht „nur“ Umweltpolitik machen. Nur ein Beispiel: Bei den TTIP-Verhandlungen pochten die USA auf massive Kohle- und Fracking-Öl-Exporte nach Europa, dazu noch landwirtschaftliche Produkte aus ihrer extrem klimaschädlichen Produktionsweise. TTIP war Handelspolitik. Aber TTIP zu verhindern war ein wichtiger ökologischer Erfolg. Es gibt kein politisches Thema, das enger mit allen anderen vernetzt ist als Umweltpolitik und das ist auch logisch. Man kann sich auch nicht nur in der Kommunikation auf dieses Thema konzentrieren: Weil die Aufklärung allein nicht reicht.

Ob mich das nicht frustriert und ermüdet, fragen mich immer wieder Leute. Ersteres ja, zweiteres nein. Es regt mich auf und gibt mir Kraft. Ich bin zu den Grünen gegangen, weil ich Widerstand leisten wollte. Weil ich unzufrieden war.

Das war nach der Bildung der ersten schwarzblauen Koalition und damit ungefähr gleichzeitig mit dem Beitritt von Sebastian Kurz zur Schüssel-ÖVP. Wir haben das exakte Gegenteil gemacht: Wie man von Macht so fasziniert sein kann, dass man zu den Stärkeren geht, zu denen, die am Drücker sind, das verstehe ich mit keiner Faser. Aber es erklärt, wie er regiert.

Bei mir ist es umgekehrt: Wären Kräfte an der Macht, die ich unterstütze, würde ich mit meinem Leben was anderes anfangen und als politisch interessierter Mensch über die Details matschkern. Aber es sind die Reaktionären, die Konzern-Lobbyisten, die Neo-Faschisten, die Umweltzerstörer am Drücker, unsere Aussichten sind düster und es wird ein langer, zäher, harter und ungewisser Kampf. Also geht zuschauen nicht. Selber machen.

Meine politischen Vorbilder sind zwei ÖsterreicherInnen: Friedrich August von Hayek und Terezija Stoisits.

Ich habe von Terezija ein Bild im Kopf, aus den frühen Neunzigern, als sie am Rednerpult des Nationalrats stand und über irgendeine Ungerechtigkeit tobte und mit der Faust aufs Pult schlug und ich hab mir nur gedacht: Da kämpft eine. Dazu hab ich Vertrauen gehabt. Ich hab genauer zugehört und deshalb Grün gewählt, bevor ich selbst einstieg.

Hayek war Ökonom und der führende Wegbereiter des Neoliberalismus. Heute dominieren seine Ideen die Weltpolitik, aber als er aufbrach, in den 1920er und 30er Jahren, da wurde die politische Debatte vom Sozialismus dominiert und von sozialstaatlichen Ideen. Das blieb so bis in die 70er Jahre, doch Hayek hat nie aufgegeben, zu kämpfen und es muss jahrzehntelang wie ein Kampf gegen Windmühlen ausgesehen haben. 1944 schrieb er „Der Weg in die Knechtschaft“ darüber, dass selbst kleinste staatliche Regulierungen falsch sind, 1979 zog Margaret Thatcher in die Downing Street ein und warf das Buch ihrem Kabinett auf den Tisch und sagte: „Das ist unser Regierungsprogramm“.

35 Jahre, und fast nochmal so lange, bis dieses Gedankengut Mainstream war. Große politische Kämpfe gehen über Generationen, auch wenn sich im facebook-Zeitalter kaum noch jemand die Zeit nimmt, einen langen Text zu lesen. Es wird auch in der nächsten Generation jemand wütend sein müssen und mit der Faust aufs Rednerpult schlagen. Es könntest du sein. Denk drüber nach, wenn du schon so weit gelesen hast.

Veröffentlicht von Michel Reimon