Der Streit um Hofers Tempelberg-Besuch hat das Zeug zum klassischen Beispiel für politische Kommunikation… Er hat ganz eindeutig die Unwahrheit gesagt, aber FPÖ-WählerInnen interpretieren in Facebook-Kommentaren den kleinsten Strohhalm, dass irgendein Detail an der Story halbwegs wahr sein könnte als Freispruch.

Und das geht gar nicht anders. Wir Nicht-Freiheitlichen tun nämlich genau das Gleiche: Wir interpretieren jeden Hinweis, dass Hofer die Unwahrheit sagt als Bestätigung unseres Weltbildes. Nehmen wir das Beispiel vor ein paar Tagen: Hofer schildert auf puls4, er und seine Familie wurden bei der Ankunft ausgebuht. Das erweckt den Eindruck einer schreienden Masse. Die hat es nicht gegeben. Die Story ist falsch. Allerdings scheint es eine Frau gegeben zu haben, die 4x „Pfui“ gerufen hat. Also ist die Story richtig, sagen Freiheitliche. Dass Hofers Aussage den Eindruck schreiender Massen erweckt hat, ist schließlich unsere Konstruktion…

Womit wir beim Radikalen Konstruktivismus wären: Wir schaffen die Beschreibung der Wirklichkeit ausschließlich in unserem Kopf. Und wir brauchen ein konsistentes, in sich logisches Bild davon, um handlungsfähig zu sein. Jede Information interpretieren wir so, dass sie unsere bisherigen Einschätzungen verstärkt. Erst wenn wir auf ein Problem stoßen, treten wir einen Schritt zurück und fragen uns, ob wir etwas übersehen, falsch bewertet, nicht bedacht haben. Diese Aha-Momente kennt jeder. Da konstruieren wir eine neue Interpretation.

Das ist aber ein enormer Energieaufwand, das machen wir meist nur im allerletzten Moment. Solange wir eine Information irgendwie in unser derzeit existierendes Weltbild einfügen können, tun wir das – oft bis zum Untergang.

Das bedeutet: Den Tempelberg-Vorfall betrachtet jede Seite aus ihrer Perspektive. Meine und die meines Umfeldes lautet: Die FPÖ nimmt es mit der Wahrheit nicht genau. Bestätigt.
Die der FPÖ-Wähler lautet: Der Staatssender ORF stürzt sich auf jedes unwichtige Detail, wo sich ein FPÖler vielleicht nicht perfekt erinnert, und macht einen Skandal draus. Bestätigt.

Sind damit alle Weltbilder gleichwertig, weil es zwar Fakten, aber keine objektiv wahren Interpretationen ihrer sozialen Bedeutung gibt? Der radikale Konstruktivismus liefert auch ein tolles Konzept, das viel interessanter ist als „Wahrheit“: Viabilität.

Ein Weltbild, eine Konstruktion, ist dann viabel, wenn es hilft, das Leben zu meistern. Ein Stadtplan ist kein vollständiges Bild einer Stadt, aber wenn du ans Ziel kommst, ist er viabel. Eine volkswirtschaftliche Theorie ist keine objektiv wahre Beschreibung unserer ökonomischen Beziehungen – aber wenn man die richtigen Schlüsse daraus ziehen kann, ist sie viabel. (Die Frage, ob die Theorien hinter Austeriätskurs und Freihandelskurs viabel sind oder nicht, diskutieren wir ja gerade sehr heftig. Same stories.)

Das freiheitliche Weltbild habe ich vor einiger Zeit als „Hegemonie der Abstiegsangst“ ausführlich beschrieben, ich halte es nicht für viabel. Damit lösen wir unsere Probleme nicht. Ich glaube auch nicht, dass wir einen Bundespräsidenten wählen sollten, der über heikle internationale Staatsbesuche im Wahlkampf flunkert.

Der Punkt ist: Menschen, die im Tempelberg-Fall eher den ORF für seine Recherche als Hofer für seine Schwindeleien kritisieren, handeln aus ihrer eigenen Sicht sehr konsistent. Hier Überzeugungsarbeit zu leisten geht nicht mit einzelnen Fakten, die alles auf einmal über den Haufen werfen, sondern braucht Zeit.

Und natürlich geht das: Ich habe in den letzten 20 Jahren erlebt, wie die neoliberale Hegemonie gekippt ist. Die bedingungslose Marktgläubigkeit war noch Ende der Neunziger die alles beherrschende Erzählung, „Privat statt Staat“ war ihr Mantra. Dem ist nicht mehr so, die Demokratie steht wieder höher im Kurs. Dem in ganz Europa grassierenden Rechtspopulismus können und müssen wir genauso entschieden entgegentreten, auch das ist möglich. Auch hier ist mehr Demokratie die viable Antwort. Und Rechtspopulismus mit Viertel-Fakten die falsche.

Veröffentlicht von Michel Reimon