Was für eine dumme Debatte, ob JournalistInnen eine Geschichte framen sollen oder nicht. Sie können ja gar nicht anders.

Das haben Kahneman und Tversky schon vor Jahrzehnten gezeigt, das berühmteste Experiment dazu ist das „Asian Disease Problem“. Dazu hat man zwei Gruppen eine Entscheidung über eine fiktive politische Maßnahme treffen lassen. Die erste Gruppe erhielt folgende Angabe:

Stellen Sie sich vor, die USA bereiten sich auf den Ausbruch einer ungewöhnlichen asiatischen Krankheit vor, die erwartungsgemäß 600 Menschenleben fordern soll. Zwei alternative Pläne zur Bekämpfung der Krankheit wurden vorgeschlagen. Angenommen, die exakten wissenschaftlichen Schätzungen der Konsequenzen der Pläne lauten folgendermaßen:
– Wird Plan A umgesetzt, werden 200 Menschenleben gerettet.
– Wird Plan B umgesetzt, besteht eine Wahrscheinlichkeit von einem Drittel, dass alle 600 Menschenleben gerettet werden und eine Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln, dass niemand gerettet wird.
Welchen der beiden Pläne würden Sie vorziehen?

Es entschieden sich 72 Prozent der Teilnehmer für Plan A, nur 28 Prozent für Plan B. 200 sicher gerettete Menschenleben schienen also als besserer Plan. Dann wurde das Experiment mit einer anderen Gruppe nochmal durchgeführt, die Formulierung lautete nun

– Wird Plan A umgesetzt, werden 400 Menschen sterben.
– Wird Plan B umgesetzt, besteht eine Wahrscheinlichkeit von einem Drittel, dass niemand sterben wird und eine Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln, dass alle 600 Menschen sterben werden.

Die Möglichkeiten sind objektiv identisch mit dem vorigen Beispiel, doch nun entschieden sich nur 22 Prozent für Plan A, aber 78 Prozent für Plan B. 400 sichere Tote wollten weniger Leute verantworten. Das ist also eine Umkehrung der Ergebnisses, obwohl beide Gruppen die selbe Entscheidung zu treffen hatten.

Beide Beschreibungen sind objektiv, beide nennen nur Fakten, beide sind innerhalb der Logik des Experiments 100%ig wahr – und trotzdem unterstützt die Mehrheit jeweils eine andere politische Maßnahme. Man kann nicht nicht framen, man kann nie neutral formulieren! Wer politisch kommuniziert, hat Verantwortung – und Macht. Die Rechten haben das besser verstanden als JournalistInnen, leider auch als die Linke.

Framing dominiert alle politischen Debatten. Es erklärt gut, warum immer wieder Populisten, die Regierungen Korruption und Verschwendung vorwerfen, von Protestwählern in Machtpositionen gebracht werden und sich dann genau so verhalten – ohne, dass ihre WählerInnen wegbrechen. Das geht so: Um Entscheidungen zu vereinfachen, blenden wir jene Kritierien aus, die von allen Optionen erfüllt werden. Wenn jemand ein schwarzes Fahrrad möchte, im Geschäft aber nur rote Fahrräder sind, ärgert er sich vielleicht kurz und überlegt einen Wechsel des Shops. Wenn das aber nicht geht, wird die Farbe aus den Bewertungskriterien gestrichen und spielt keine Rolle mehr. Ab dann gehts nur noch um Rahmen, Schaltungen und alle anderen Unterschiede… Wenn also jemand glaubt, dass „eh alle PolitikerInnen korrupt sind“, dann ist das kein Entscheidungskriterium mehr für ihn. Eine populistische Partei, die das Vertrauen in die Politik grundsätzlich zersetzt, muss es dann für ihr Elektorat auch nicht besser machen. Korruptionsfreiheit wird aus den Kriterien gestrichen, weil man glaubt, sie ist nicht verfügbar, also liest man zwar vom BUWOG-Skandal und der Hypo Kärnten und den Eurofightern, aber es ändert nichts.

Das alles ist ziemlich gut erforscht. Progressive Kräfte, die empirische Politik machen möchten, sollten sich intensiv damit beschäftigen. Und JournalistInnen auch.

Veröffentlicht von Michel Reimon