Ein kleiner Test: Wer von euch kennt Situationen, in denen die informelle Macht anders verteilt ist, als die offiziellen Regeln es sagen? Also zum Beispiel in der Firma oder in einem Verein, in dem manche Leute mächtiger sind als rein nach der Papierform in Statuten oder Job Descriptions, und andere weniger mächtig?
Wer kennt so etwas nicht persönlich, aber glaubt, dass es sowas gibt?

Ich nehme mal an, das hier 100% mit „Ja, das gibts“ antworten. Natürlich gibts das. Formale Regeln sind wichtig, aber informelle Machtstrukturen bestehen immer, und oft bestehen sie weiter, auch wenn die offiziellen Regeln geändert werden. Oft sehr, sehr lange.

Aber wenn dieser Aussage 100% zustimmen, verstehe ich eines nicht: Wir haben in Österreich seit 100 Jahren Frauenwahlrecht, wir haben Diskriminierungsverbote und Gleichberechtigung – auf dem Papier.
Wir haben aber große Lohndifferenzen, wenige Frauen in Führungsfunktionen, wenige Frauen in Machtpositionen. Die Daten liegen auf dem Tisch. Wie kann es Zweifel geben, dass da Ungerechtigkeiten beseitigt werden müssen, auch wenn vor dem Gesetz alle gleich sind?

Daher braucht es weitere Schritte. Zum Beispiel könnte man mehr Gehaltstransparenz schaffen, damit informelle, aber ganz reale Diskriminierung sichtbarer wird. Es können Armutsfallen im Alter geschlossen werden. Es sollte einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung geben. Und, und, und.

All diese Forderungen kommen übrigens auch Männern zugute, wenn sie betroffen sind. Sie sind es halt seltener, da sind wir wieder bei den informellen Strukturen.

Deshalb braucht es das Frauenvolksbegehren 2.0, deshalb sollten es auch Männer unterschreiben. Ich war schon dort. Du auch?

Veröffentlicht von Michel Reimon