Ich sehe wieder mal, wieviel Hass und Verachtung über Frauen hereinbricht, wenn sie gleichzeitig in Verantwortung und Problemsituationen sind. Wie ihre Körper, Gesichter, Kleidung attackiert und abgewertet werden. Aber der offene, dumme Hass ist ja noch relativ leicht wegzublenden. Die vielen kleinen Spitzen, die halblustig abwertende Böswilligkeit, die man gar nicht wirklich anprangern kann, weil man dann keinen Spass versteht und erst wieder Täterin ist, die tun mehr weh… das sagen mir Frauen.

Ich kenne es nämlich nicht aus eigener Erfahrung. Ich bin ein großgewachsener Mann, weiß und hetero noch dazu, ich wurde nie diskriminiert, wurde nie für angeborene Eigenschaften abgewertet. Aber es ist nicht nur so, dass ich es leichter habe und das halt angenehmer ist.

Nein, ich verhalte mich daher auch anders. Ich habe nie um meine Anerkennung kämpfen müssen, also nehme ich sie als gegeben. Ich springe mit Anlauf in Konflikte, ich mache mir Feinde, und wenn es meinen Themen nutzt, polarisiere ich mit Absicht und ohne mit der Wimper zu zucken und hab kein Problem damit, dass hunderte wütende Postings und Mails kommen. Ich werde nicht für mein Geschlecht beschimpft, für mein Wamperl, für meine schlechte Rasur, niemand wertet meine ganze Person ab. All diese Wut, die sich in solchen Momenten zB im Netz auf mich richtet, führt dazu, dass ich über die Situation nachdenke, dass ich mich frage, ob ich jetzt einen Fehler gemacht habe, dass ich mein Verhalten ändere, wenn ich es so sehe… aber es hat nichts mit meinem Selbstwertgefühl zu tun. Also springe ich beim nächsten Mal wieder mit Anlauf in den Konflikt und gebe nicht kampflos klein bei.

Das ist ein Privileg.

Das muss man(n) mal verstehen. Und ich habe es nur verstanden, weil kämpferische Frauen es mir beigebracht haben. Es ist ein Privileg, das wir Männer in unserer Gesellschaft haben, und die Kämpfe, es zu bewahren, werden in diesen Tagen wieder heftig geführt.

Veröffentlicht von Michel Reimon