EP-Sitzung in Straßburg, natürlich reden wir immer wieder über die Wahlen in Österreich. Und die Leute hier fügen das Ergebnis als kleines Puzzlestück in ein großes, europäisches Bild ein: Der Nationalismus kehrt zurück, egal ob in Gestalt von Orban, #Brexit, Kurz oder dem Rechtsruck der Sozialdemokratie. Einzelne Ausreißer bei Wahlen wie in Spanien oder Holland werden gern gefeiert, aber das Muster ist klar: Weiter weg von der Hegemonie waren wir schon lange nicht mehr, vielleicht noch nie. In Österreich haben schwarzblauliberal die 2/3-Mehrheit, die SP ist mehr Niessl als Häupl und die Grünen sind draußen. Es gibt nicht mal mehr linke Opposition im Parlament.

Nationalfeiertag, also. Die Welt verändert sich, Rationalisierung, Globalisierung, Digitalisierung und dann noch die Klimakatastrophe…
Diese Probleme kann keiner für sich lösen, das braucht gesellschaftliche Anstrengungen. Aber wer ist „Gesellschaft“? Ja, mir scheint, viele Menschen wollen sich organisieren. Oder besser: Viele wollen, dass jemand für sie organisiert. Sie fühlen sich machtlos angesichts dieser Herausforderungen und jetzt mal ganz im Ernst: Das ist doch verständlich. Diese Vielen wollen nicht als starke, unahbängige Individuen eigenverantwortlich gegen diese gigantischen Probleme angehen, weil sie sich nicht so fühlen und instinktiv verstehen, dass das gar nicht geht. Sie wollen, dass es jemand macht und sind dann gern Teil davon, aber sie wollen delegieren. Jemand soll sagen, wie es geht, denn sie wissen es nicht.

Ehrlich, das finde ich gar nicht so irrational, wie viele tun.

Beides, das gemeinsam handelnde Kollektiv und die Führung, bieten die Rechten. Und dann sogar noch Ermächtigung, weil sie mehr direkte Demokratie fordern. Lass uns autoritär regieren und wenn es dir nicht passt, greifst du ein. Das ist ein Angebot!

Die Nation ist jene Organisationsform, jenes Kollektiv, das sich den globalen Problemen entgegenstellen soll. Das sagen die Rechten nicht nur, das glauben sie auch. Sie glauben an Blut und Volk und Herkunft. Das linke Gegenmodell war immer die Klasse, das gemeinsame Interesse statt der gemeinsamen Abstammung. Aber an die Klasse glauben ja nichtmal mehr Linke. Die philosophieren darüber, wie sich Klassen ausdifferenziert haben und nun aus Individuen bestehen, die alle völlig einzigartige Interessen haben. Als ob.

Die Wahrheit ist: Wir haben in groben Zügen gemeinsame Interessen. Wir, das sind die Einflusslosen. Wenn die Politik entmachtet und alles dereguliert wird, dann ist Reichtum gleich Einfluss. In der Demokratie hat jeder Mensch eine Stimme, auf dem Markt zählt der Euro.

Wir müssen jene organisieren, die in diesem Spiel machtlos sind, die nicht reich sind und deren Stimme privatisiert wird. Und das geht, auch als Progressive. Schaut euch den feministischen Kampf der letzen Jahrzehnte an, da kann man viel lernen. Seit spätestens den 80ern ist der Feminismus ist die einzige erfolgreiche progressive Bewegung, die kapiert hat, dass über 50 Prozent der Bevölkerung ein gemeinsames Interesse haben, das organisiert werden muss, um Machtstrukturen zu verändern. Dass man Differenzen innerhalb der Gruppe überwinden statt verbreitern muss, um gemeinsam auftreten zu können. Schaut euch jetzt gerade #metoo an, wie breit das geworden ist.

Was man davon lernen kann: Wenn Schwarzblau jetzt Politik für Konzerne und Superreiche machen und ihre eigenen WählerInnen den Preis zahlen, dann sollten wir nicht mit dem Finger auf sie zeigen. Wir sollten sie organisieren und mit ihnen im Boot sitzen: die unteren 99%. Die sind mehr als eine Nation. Die sind Klasse. Schönen Feiertag.

Veröffentlicht von Michel Reimon