Die Kurden haben den IS besiegt. Europa pfeift jetzt auf sie. Für diese feige Prinzipienlosigkeit werden wir eine hohe Rechnung präsentiert bekommen.

Den Nordosten Syriens kontrollieren kurdische Verbände mit ihren christlichen und jesidischen Verbündeten. Diese Frauen und Männer waren es, die den Islamischen Staat im Häuserkampf besiegt und einen hohen Blutzoll bezahlt haben. Sie haben dabei auch tausende Gefangene genommen, darunter 900 IS-Kämpfer aus der EU.

„Es sind blonde Männer mit blauen Augen darunter. Sie sind völlig gehirngewaschen und schwärmen vom Djihad“, erzählte Mohammed, mein Kontaktmann der Autonomen Verwaltung Nordostsyriens bei meinem Besuch vor einigen Tagen. Er hat selbst mit einigen dieser Männer gesprochen. „Sie reden vom Paradies und glauben wirklich, dass sie etwas Gutes getan haben, als sie für den IS gekämpft haben. Die sind so verdreht im Kopf, da dringst du nicht durch. Eure europäischen Konvertiten sind wirklich die Schlimmsten. Totale Fanatiker.“

So viele Islamisten in einer instabilen Region eingesperrt zu halten ist natürlich ein Sicherheitsrisiko, ganz abgesehen von den hohen Kosten. Also versucht die Autonome Verwaltung, diese Kämpfer an ihre europäischen Heimatländer zu übergeben – aber die EU-Regierungen rühren keinen Finger. Sie reagierten bis jetzt nicht einmal, berichtet „Außenminister“ Aldar Khalil. Das könnte sich jetzt rächen.

Der Krieg in Syrien tobt noch erbittert, aber er ist de facto entschieden. Den Großteil des Landes beherrscht das Regime Assad, es sitzt wieder fest im Sattel. Die Kurden haben sich mit vielen Minderheiten verbündet und kontrollieren den Nordosten. Im Nordwesten und einigen Wüstengebieten haben noch Islamisten das Sagen, aber sie werden nicht gewinnen können. Die Nachkriegsordnung werden Assad und die Kurden aushandeln.

Das will der islamistische türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nicht akzeptieren. Er droht, einzumarschieren und die kurdischen Gebiete zu erobern.

Bisher hat ihn die Präsenz von amerikanischen Soldaten abgehalten, die gemeinsam mit den Kurden kämpften. US-Präsident Donald Trump verkündete vor Weihnachten den schnellstmöglichen Rückzug, weil der IS besiegt ist. Er tat das, ohne mit seinen Verbündeten zu sprechen. Die ganze Region war überrascht. Erdogan reagierte sofort: Wenn seine NATO-Verbündeten abziehen, wird die Türkei nachdrängen, sagte er und hat es seit dem mehrfach bestätigt.

Die Vorhut dieses Einmarsches werden wohl nicht reguläre türkische Einheiten bilden, sondern islamistische Verbände, Söldnertruppen, irreguläre und inoffizielle Kommandos.

Und dann? „Wir werden die Menschenrechte achten“, sagt mein kurdischer Kontaktmann Mohammed. „Wir werden keine Gefangenen hinrichten. Wenn die islamistischen Verbände die Gefängnisse erobern, werden wir die Insassen lebend zurücklassen. Es wird kein Massaker an wehrlosen EU-Bürgern geben, das kann ich garantieren.“

Das bedeutet: 900 IS-Kämpfer aus der EU könnten bald von islamistischen Milizen befreit werden und untertauchen. Dann sind sie wohl mehr unser Problem als das der Kurden. Denn diese Menschen wurden nicht im Nahen Osten radikalisiert, sondern in Europa. Sie waren schon Islamisten, als sie in den Kampf zogen. Sie haben ihre Netzwerke hier. Das ist dann.

In Syrien herrscht seit sieben Jahren Krieg. Saudis, Iraner und Türken haben unterschiedliche Gruppen finanziert und sich gegenseitig bekämpft. Putin hat Assad gerettet. Die Amerikaner haben die Kurden ausgebildet und gegen den IS unterstützt, jetzt verlieren sie das Interesse. Und Europa? Frankreich und Großbritannien haben kleine Verbände an der Seite der Amerikaner, das war’s. Politische Aktivitäten? Fast null. Interesse? Nicht einmal null.

Nein, ganz stimmt das nicht. Der Krieg hat Flüchtlinge erzeugt und die sollen bleiben, wo sie sind. Also gab es einen Flüchtlingsdeal mit Erdogan, der bekommt Millionen überwiesen und hat dafür die Balkan-Route wirklich geschlossen. Damit erpresst er die europäischen Regierungen: Wenn ihr aufmuckt, kommen die Flüchtlinge, also schön die Pappn halten.

Und Europa hält die Pappn, in allen Belangen. Das einzige Land, das mehr Journalisten hinter Gitter steckt als die Türkei, ist die riesige Diktatur China. Dann kommen schon Erdogans Schergen, 168 Medienleute sitzen in ihren Gefängnissen. Zuletzt verhafteten sie auch den österreichischen Journalisten Max Zirngast. Bitte nicht aufregen.

Für unsere feige Prinzipienlosigkeit werden wir die Rechnung präsentiert bekommen, spätestens die 900 europäischen IS-Kämpfer plötzlich wie vom Erdboden verschluckt sind. Was können wir tun? Erdogan bräuchte Europa mehr als wir ihn. Er braucht die Handelsabkommen für die Textilindustrie, die Überweisungen der türkischen Community in Europa, die Touristen, die Nachbarschaftsprojekte, auch die Gelder des Flüchtlingspakts. All das sollte Erdogan verlieren, wenn er Ernst macht.

Es reicht nicht, dass Europa den Kurden auf die Schultern klopft, „Danke, dass ihr den IS besiegt habt“ sagt und sich abwendet. Die autonome Region Nordostsyrien ist das einzige demokratische, säkulare, ethnisch pluralistische politische Projekt im ganzen Nahen Osten. Wenn wir es Erdogan zum Fraß vorwerfen, verlieren wir. Nur wir.

Denn vielleicht gewinnen die Kurden und ihre Verbündeten den Kampf ja. Eine christliche Vize-Bürgermeisterin sagte zu mir: „Wenn wir zwischen Erdogan und Assad wählen müssen, nehmen wir Assad. Erdogan würde uns massakrieren, Assad wird uns leben lassen. Also werden wir uns mit ihm verbünden und bis zur letzten Patrone kämpfen.“

Putin lacht. Europa macht schon wieder einen Knicks vor ihm.

Dieser Text erschien in gekürzter Form im Standard:
https://derstandard.at/2000096484660/Neunhundert-Kaempfer-Und-Europa

Der Text ist auch auf türkisch und kurdisch zu lesen.

Veröffentlicht von Michel Reimon