Gestern war ich also wieder in einem Kriegsgebiet in einem Flüchtlingslager. Lange her, seit dem letzten Mal… Das erste Mal war es in Kroatien, genau genommen war das ein Krankenhaus, kein Lager. Ich konnte als 20jähriger Journalismusanfänger das Elend kaum ertragen, eine Krankenschwester musste mich trösten. Wie in einem schlechten Film: Das Wohlstandskind, das vor unendlichem Leid steht und daran verzweifelt, nichts tun zu können. Wo man doch bei uns immer irgendwas tun kann.

Etwas musste man doch tun, nicht nur ein wenig, sondern möglichst viel. Möglichst viel hieß… es war nie war genug. Eine Story rettet die Welt nicht, die nächste auch nicht, also müssen die Stories besser werden. Robert Capa hat über Fotos mal gesagt: Wenn sie nicht gut genug sind, warst du nicht nahe genug dran. Das gilt nicht für Texte, aber das wusste ich nicht. So bin ich bald nicht in Krankenhäuser und Lager im Hinterland gegangen, sondern an die Front. Es hat nichts gebracht. Den Menschen dort nicht und mir nicht.

Ich wurde zynisch und habe Jahre vergeudet. Dann stieß ich auf die Globalierungskritik. Da war eine Ungerechtigkeit, gegen die man anschreiben konnte, da war wieder ein Sinn. Aber eine Story nach der anderen rettet die Welt nicht. Ich ging auf Demos um zu berichten und irgendwann wurde ich Demonstrant und plötzlich saß ich in Genua in einer Tiefgarage und ober mir lag Carlo Giuliani tot auf dem Pflaster. Es hat nichts gebracht.

In Genua war ein Europaabgeordneter, ich weiß seinen Namen und seine Partei nicht, aber er war da und die Menschen waren froh, dass irgendjemand aus dem politischen System sich für sie interessiert. Man demonstriert ja, um gehört zu werden. Wir wussten nicht, was dieser Abgeordnete tun konnte, aber es war mehr als wir machen konnten, und deshalb waren wir froh über ihn.

Aktivist zu sein reichte also nicht. Ich wollte mehr und dockte bei den Grünen an. Als Journalist hab ich Aktivisten bewundert, weil sie nicht schreiben, sondern tun. Als Aktivist hab ich Politiker bewundert, weil sie nicht fordern müssen, sondern handeln können. Und jetzt?

Ich wollte unbedingt Europa-Abgeordneter werden. Das ist die Ebene, auf der man die wirklich großen Probleme angehen kann. Ich habe meinen Traumjob, es gibt keinen Besseren, es gibt keinen, der mir mehr Möglichkeiten gibt. Das habe ich jetzt acht Wochen lang geglaubt. Jetzt bin ich hier im Irak und es ist alles zu wenig. Dann treffe ich beim Frühstück einen Mann, der für eine Hilfsorganisation arbeitet. Der sieht in der Hotellobby zufällig eine Frau, die für eine andere Organisation arbeitet:

„Hi, du bist hier?“
„Oh ja, du auch? Ich habs heut eilig, frühstücken wir morgen?“
„Geht nicht, da fliege ich mit der Luftbrücke zu den Jesiden.“
„Oh, das heißt du kennst die genaue Landestelle? Kannst du mir die zeigen?“
Die beiden fummeln an einer Karte herum…
„Weißt du, was ich brauche? 50 Lastwägen, mit mindestens 500 km Reichweite.“
„Ich kenne einen Unternehmer, der hat welche. Ich weiß aber nicht, ob seine Fahrer vertrauenswürdig sind.“
„Fahrer habe ich, das ist kein Problem. Gib mir die Nummer.“

Für einen Augenblick glaube ich, dass ich einen neuen Traumjob habe: Bei einer Hilforganisation kann man was tun, nicht nur versprechen. Wir frühstücken, wir vereinbaren, dass ich morgen mit der Luftbrücke zu den Jesiden fliegen kann. Dann seufzt der Mann.

Es ist alles immer zu wenig, es ist nie genug, sagt er verzweifelt.

 

Veröffentlicht von Michel Reimon