Die Verhaltensökonomie ist eine faszinierende Wissenschaft und alle, die sich mit politischer Kommunikation beschäftigen, sollten sich damit auseinandersetzen. Und sei es nur aus Selbstverteidigung, wenn man Zeitung liest und die Presseaussendungen von Kickls Innenministerium bewerten will.

Nehmen wir die Verfügbarkeitsheuristik: Das ist eine einfache Regel, nach der unser Gehirn versucht, mit möglichst wenig Aufwand herauszufinden, ob eine Beobachtung relevant ist und mehr Beachtung verdient.

Unsere Lebenserfahrung sagt: Wenn ein Ereignis, Objekt oder Subjekt X häufig vorkommt, dann nehmen wir es auch häufig wahr. Wir sehen es, hören es, reden darüber. Also können wir uns später an viele solcher Fälle erinnern. Umgekehrt: Wenn X selten auftritt, sehen wir es selten und können uns schlechter daran erinnern.
Daraus folgt die Regel: Wenn etwas in unserer Erinnerung leicht verfügbar ist, dann ist es häufig, also wichtig.

Das ist definitiv eine brauchbare Regel für unseren Alltag. Wenn ich Sie frage, wie der öffentliche Verkehr ihrer Stadt funktioniert, werden Sie kurz aus dem Gedächtnis Fälle abrufen, in denen Sie zufrieden oder unzufrieden waren und die Verfügbarkeit dieser Fälle wird ihr erstes Urteil sein.

Wenn ich Sie nach einer Zahl frage, die Sie nicht kennen können, etwa wie hoch der Prozentsatz an Luxusautos im Stadtzentrum ist, könnten Sie darüber nachdenken, vielleicht sogar im Internet recherchieren. Sie werden aber gar nicht anders können als zuvor automatisiert ganz kurz in Ihrem Gedächtnis zu kramen und abzuschätzen, wie viele Luxusautos Sie gesehen haben, als Sie sich das letzte Mal in dieser Gegend aufhielten. Der Wert, auf den Sie dabei kommen, hängt natürlich auch von Ihrer Definition von „Luxusauto“ und „Stadtzentrum“ ab, aber vermutlich werden Sie mit Ihrer Schätzung gut genug für die meisten Alltagssituationen liegen, die sie zu meistern haben.

Nun nehmen wir an, ich frage Sie gar nicht direkt nach der Anzahl dieser Autos, sondern schlage eine politische Maßnahme vor, die Luxusautos betrifft, zB diese sollen extra besteuert werden. Unabhängig davon, wie Sie politisch dazu stehen, wird Ihr automatisierter Modus prüfen, wie viele Fälle betroffen sind. Sie werden fast sofort eine grobe Daumen-mal-Pi-Einschätzung davon haben, ob diese Vorschläge viel Geld in die öffentlichen Kassen bringen. Diese unterbewusste, grobe Einschätzung kann in Ihr Urteil beeinflussen.

Wenn Sie morgen in der Zeitung lesen, dass die Sozialhilfe für alleinerziehende Eltern mit mindestens zwei Kindern um 100 EUR erhöht wird, wird Ihr automatisiertes System unterbewusst prüfen, ob viele Menschen in den Genuss dieser Sozialleistung kommen. Dabei wird es die Verfügbarkeitsheuristik anwenden: Wenn Ihnen diese Beispiele schwer einfallen, werden Sie die Fallzahl niedrig schätzen, wenn Ihnen aber leicht Beispiele von Betroffenen einfallen, werden Sie die Wahrscheinlichkeit hoch einschätzen. Wenn Sie 15 Minuten vor der Lektüre im Stiegenhaus den alleinerziehenden Vater von der Wohnung im Stock darüber getroffen haben, wird Ihre unterbewusste Schätzung tendentiell höher ausfallen, weil ein Fall verfügbar ist. Wenn in Ihrer Zeitung seit Tagen über alleinerziehende Sozialhilfeempfänger berichtet wird, werden Sie deren Zahl höher schätzen als Sie es zwei Wochen davor getan hätten, als nicht darüber berichtet wurde.

Die Verfügbarkeitsheuristik führt zu besonders schlechten Ergebnissen bei sehr seltenen Ereignissen. Wenn Sie seit Jahren niemanden in Glockenhosen gesehen haben, werden sie denken, diese seien nicht selten, sondern inzwischen völlig verschwunden. Das stimmt natürlich nicht, irgendwer trägt immer irgendwo Glockenhosen. Einflussreicher ist aber der umgekehrte Fall: Wenn ihnen eine solche seltene Person über Weg läuft und auffällt, bleibt das im Gedächtnis aber überdurchschnittlich leicht abrufbar. Wir überschätzen die Häufigkeit von allem, was uns auffällt und das sind natürlich seltene Ereignisse oder solche, die für uns ungewohnt sind.
Wenn Sie in einem kleinen Dorf wohnen, in dem es weder Bettler noch Obdachlose und auch kaum Migranten gibt, werden diese Menschengruppen Ihnen bei einem Besuch in der Großstadt besonders auffallen. Sie werden sich daheim verstärkt daran erinnern und die Zahl dieser Personen in der Stadt tendentiell überschätzen. Wenn sie umgekehrt ein Stadtmensch sind, der beim Ausflug mit dem Auto auf das Land zwei Mal für ein paar Sekunden hinter einem Traktor herfahren muss, werden Sie den Eindruck haben, das am Land ständig zu tun. Aber an jene rote Ampeln, vor denen sie in Summe mehr Zeit verbrachten, werden Sie sich später kaum erinnern.

In Kombination mit Medienberichten potentiert sich diese Verzerrung der Verfügbarkeitsheuristik. Die reale Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terroranschlags zu werden, ist natürlich minimal, die subjektiven Einschätzungen dieser Möglichkeit korrelieren aber nachweislich mit der Berichterstattung.

Wir schätzen die Scheidungsrate von Prominenten, die Korruption von Politikern, die Kriminalität von Ausländern und die Häufigkeit von Naturkatastrophen nicht nach unseren persönlichen Lebenserfahrungen, sondern nach unserem Medienkonsum sein. Besonders deutlich zeigt sich das beim Schätzen von Todesursachen: Die Häufigkeit von Unfällen und Morden wird im Vergleich zu Krankheiten wie Diabetes und Krebs massiv überschätzt.

Das kann eine Wechselwirkung erzeugen, die als availability cascade von Kommunikationsforschern untersucht wird: Themen, über die wir viel lesen, halten wir schon alleine aufgrund dieser Quantität für relevant, das sagt uns die unterbewusste Faustregel. Also klicken wir häufiger auf Artikel zu diesen Themen, dadurch werden sie in Redaktionen und von Algorithmen als beliebt registriert, folglich wird mehr darüber geschrieben und unsere Verfügbarkeitsheuristik bekommt den nächsten Input.

Gut, das war jetzt eine lange Einführung. Was ich eigentlich sagen wollte: Herbert Kickl hat die Pressestellen der Polizei aufgefordert, die Staatsbürgerschaft von Verdächtigen (nicht Verurteilten!) in ihren Aussendungen öfter zu nennen, DerStandard hat die Auswirkung untersucht. 2017 wurde in Wien zB nur in einer von 107 Aussendungen über Straftaten explizit eine Staatsbürgerschaft genannt, 2018 jedoch in 84 von 104 Aussendungen. Nationalitäten wie Afghanen und Rumänen werden deutlich überrepräsentiert.

Kickl weiß natürlich genau, was er da tut.

Veröffentlicht von Michel Reimon