Ich habe ein sehr nettes Email aus einem sehr guten Verlag bekommen. Die Lektorin, die sich für mein Buchkonzept „Postjournalismus“ interessiert hat, sagt bedauernd ab. In der Verlagskonferenz hat sie für das Projekt keine Mehrheit bekommen, den meisten erschien die Zielgruppe zu klein. Das überrascht mich etwas: Mein angedachtes Publikum sind nicht ein paar JournalistInnen und PublizistikstudentInnen, sondern alle, die Medien konsumieren. Also alle, die Bücher kaufen. Das habe ich im Konzept offensichtlich nicht genug herausgestrichen, da habe mich nicht gut genug vermarktet. Ich könnte das besser argumentieren, beim nächsten Verlag. Ich könnte, aber ich will nicht. Ich werde selbst publizieren. Ohne Verlag.

Autorenschicksal
Um nicht missverstanden zu werden: Das Verhalten des Verlags geht vollkommen in Ordnung. Die Buchbranche hat geringe Spannen und ist finanziell riskant. Die Menschen geben nicht unendlich viel Geld für Bücher aus, es herrscht, wenn man so will, eine gewisse Knappheit an KäuferInnen. Es gibt wenige Bestseller und sehr, sehr viele Ladenhüter. Jeder Verlag muss beinhart kalkulieren, wer sich zu oft verlegerische Liebhaberprojekte leistet, ist bald erledigt. Abgelehnt zu werden gehört daher zum Leben eines Autors. Ich habe vermutlich fünf Mal mehr Konzepte als Bücher geschrieben, abgelehnte Konzepte füllen meine Festplatte. Ich habe mich gerade wieder durchgewühlt. Immer noch spannend wäre z.B. eine journalistische Zusammenfassung globalisierungskritischer Finanzmarkt- und Demokratiekritik: „Kokain für das Volk – Warum die Reichen immer Reicher werden und das Stimmvieh fügsam bleibt“. Das Konzept ist von 2003. Schade drum, wenn man sich die aktuellen Entwicklungen ansieht. Ich hätte es schreiben sollen.

Netzwerke der Macht
Damals habe ich zwei Konzepte bei meinem damaligen Verlag Ueberreuter angeboten. „Kokain für das Volk“ und „Netzwerke der Macht“. In Letzterem sollte es irgendwie um das Internet und Politik gehen und wie sich die beiden beeinflussen: Urheberrecht, Überwachung, E-Voting, all das sollte da eine Rolle spielen. Mich faszinierte eine Aussage von Mark Getty, dem Erben der Öl-Dynastie, der sein Erbe verkaufte und das Geld in eine Fotoagentur steckte, in visuelle Information: „Information ist das Öl des 21. Jahrhunderts“, sagte Getty. Genauere Vorstellungen vom Inhalt des Buches hatte ich nicht, Detailkonzept schon gar keines. Ich wusste nicht, was ich sagen wollte, außer: Das Internet wird extrem wichtig für die Politik und alles verändern. Was alles? Das konnte ich nicht in klare Worte fassen. Warum? Auch nicht. Wie? Schon gar nicht.

Dem Verlag gefiel die Idee aber und man vertraute mir, dass ich das schon schaffen würde. Das Buch wurde für Herbst 2004 in den Katalog gerückt, die VertreterInnen priesen es den BuchhändlerInnen an, und weil sich das „Schwarzbuch Privatisierung“ zu diesem Zeitpunkt ganz gut verkaufte, gab es auch ordentlich Vorbestellungen.

Nur: Ich scheiterte. Komplett. Brachial. Vollständig. Ich habe keine Seite geschrieben. Ich saß monatelang vor meinem Monitor, recherchierte, dachte, und kam zu nichts. Ich hatte das Gefühl, die größte Geschichte der nächsten 100 Jahre vor mir zu haben, und sie schlicht und einfach nicht zu verstehen. Ich sah Puzzlesteine: Den Kampf der Musikindustrie gegen illegale Downloads, den Aufstieg von Google aus dem Nichts, die Koordination der globalisierungskritischen Proteste über Websites wie Indymedia. Aber es ergab kein zusammenhängendes Bild, keine Geschichte, deren Komplexität ich reduzieren und irgendwie in Worte fassen konnte.

Es war unendlich schwer, bei Ueberreuter anzurufen und zu sagen, dass ich das Buch nicht abgeben würde. Aber irgendwann war es unausweichlich. Für den Verlag war es übrigens gar nicht sooo schlimm, das kommt immer wieder mal vor. Für mich war es eine persönliche Niederlage.

Ein Irrtum
Der Termin verstrich, aber ich wollte nicht aufgeben. Ich wollte es anders angehen: Als Roman. Wenn ich beim Sachbuch scheitere ist ein Roman zu dem Thema sicher leichter, dachte ich. Die Idee war simpel: Eine Rockband wird von einem Musikkonzern wegen einer obskuren Copyright-Verletzung geklagt und wehrt sich dagegen, indem sie an die Öffentlichkeit geht und ihre Konzerte in Proteste verwandelt. Ein Bandmitglied bloggt und erklärt in diesem Blog die Geschichte des Copyrights und warum das politisch wichtig für uns alle ist. Straight und einfach. Arbeitstitel: Incommunicado. Und wieder kam ich mir selbst in die Quere: Jede Kleinigkeit, die ich recherchierte, erforderte noch etwas eingehendere Betrachtung. Man kennt das ja als Journalist, aber ohne Abgabetermin gibt’s plötzlich keine Grenze.

#incommunicado
Das Copyright war ursprünglich ein Instrument staatlicher Kontrolle über Druckwerke, ein Zensurinstrument, auch ein Instrument der Inquisition. Sehr spannend.Ich recherchierte auch ausgiebig die Entstehung der Musikwirtschaft: Es war Joseph Haydn, der seinen gut bezahlten Job bei seinen Eisenstädter Mäzenen, den Esterházys, aufgab, um in London Konzerte gegen Eintritt zu geben – vom livrierten Diener zum Unternehmer. Was für eine tolle Geschichte, die den ganzen Untergang des Feudalismus beinhaltet. Dann die Geschichte des Radios, von dem Bert Brecht träumte, es würde alle Menschen zu Sendern machen und ein akustisches soziales Netzwerk bilden… bekommen haben die Deutschen dann den Volksempfänger und die Reden des Führers. Was für eine Mahnung! Oder die Geschichte von Walt Disney, der sein ganzes Imperium mit kopierten Ideen aufbaute… Oder die Entstehung der europäischen Universitäten: Bücher waren lange Zeit seltene, sehr wertvolle Gegenstände. Pergament, das Schreibmaterial für Jahrhunderte, war lange haltbar, aber auch extrem teuer, so teuer, dass es oft abgeschabt und wiederverwendet wurde. Die italienischen Kaufleute mussen viel schreiben, also entwickelten sie eine billige Alternative: Papier. Das konnte sich fast jeder leisten. Bei Vorlesungen wurde damals genau das gemacht: Vorgelesen. Jemand, der ein Buch besaß las es den anderen vor. War das Buch ein Aristoteles so war es eben eine Aristoteles-Vorlesung. Die Erfindung von Papier führte nun dazu, dass Studenten es sich leisten konnten, mitzuschreiben. Zu kopieren. Saßen in einer Vorlesung fünf mitschreibende Studenten, so gab es danach eben fünf Kopien. Diese Studenten konnten dann an eine andere Universität gehen und dort  eine Vorlesung halten. Dann wurde wieder kopiert. Und in der nächsten Stadt wieder. Professoren und Studierende zogen bald über den ganzen Kontinent, lasen vor und schrieben ab. Aus der Knappheit der Pergamentkultur wurde der Überfluss der Papierkultur. Das Resultat war die Renaissance. Eine schöne Geschichte, oder?

Und dann.
Über vier Jahre habe ich an dem Roman geschrieben, viel schwerer als die Recherche war noch, das alles in eine leicht lesbare Handlung einzufügen. Mehr als vier Jahre Nachtschichten und Wochenenddienste am heimischen Schreibtisch. Dann, irgendwann 2009, war ich fertig und suchte einen Verlag. Ich fand relativ schnell eine Münchner Literaturagentur, die mich unter Vertrag nahm. Die Agentur hatte gute Referenzen, die Agentin klang zuversichtlich. Ich machte mir keine Sorgen, dass das Buch bald erscheinen würde. Und dann kamen die Grünen und die Kandidatur im Burgenland. Das hatte viele unterschiedliche Nebenwirkungen auf mein Leben, eine davon war ein Anruf meiner Agentin: „Bücher von aktiven Politikern verkaufen sich meistens schlecht“, sagte sie, „aber Romane von Politikern verkaufen sich gar nicht. Überlegen Sie doch mal: Würden Sie einen Roman von einem Politiker kaufen?“ Das Argument hat was. Nein, würde ich vermutlich nicht. Ich habe keinen in meinen Regalen. In den letzten Monaten habe ich noch vier andere Verlage gefragt. Zwei haben mir die selbe Auskunft gegeben. Zwei haben sich noch nicht gemeldet. Aber das ist auch nicht mehr nötig.

Das Business…
Mark Getty hatte Unrecht. Information ist nicht das Öl des 21. Jahrhunderts. Öl ist knapp, im ökonomischen Sinne. Wer eine Tonne fördert, kann nur eine Tonne verkaufen. Information ist nicht knapp: Wenn ein Satz einmal geschrieben ist, kann er Millionen mal gelesen werden. Dann ist er im Überfluss vorhanden. Knapp sind Datenträger, also Schallplatten, Bücher, Fotopapier. Was passiert, wenn Information und knapper Datenträger nicht mehr zwingend eine Einheit sind, hat die Musikbranche erlebt. Musik im Überfluss ist der Tod der Industrie. Getty kämpft aus genau diesem Grund beinhart um seine Urheberrechte und mahnt ab, was das Zeug hält. Er verknappt Information mit Hilfe des Rechts. Die Buchindustrie geht einen ähnlichen Weg: die meisten Lesegeräte verfügen über ein strenges Rechte-Management. Im deutschsprachigen Raum ist der Preis von eBook-Ausgaben außerdem streng reglementiert, sie dürfen nicht billiger als die physischen Bücher angeboten werden.
Mir ist das ehrlich gesagt zuwider: Ich schreibe doch nicht, damit ich Information verknappe. Vor allem macht es aus der Sicht eines Autors ökonomisch keinen Sinn: Klar, jeder träumt von einem Bestseller, aber wenn man von durchschnittlichen Verkaufszahlen ausgeht, dann verdient ein Autor an einem Roman einen Betrag im niedrigen einstelligen Tausender-Bereich. Für viereinhalb Jahre Nachtarbeit ist das eine lächerliche Summe, eine irrelevante Summe.
AutorInnen verdienen am Besten mit Lesungen oder – im Falle von Sachbüchern – mit Seminaren, Vorträgen und Beratungen. Sie verkaufen dann ihre persönliche Arbeitszeit. Die ist nämlich sehr knapp und gut vermarktbar. Fragen Sie Charlotte Roche.
Ich verrate ein kleines Branchen-Geheimnis: Wenn Sie vom Schreiben leben wollen, fragen Sie sich nicht, wie viele Leute Ihr Buch kaufen werden. Fragen Sie sich, welche Lesungen, Vorträge und Seminare Sie anbieten können. Aber zu allererst fragen Sie sich, ob Sie Ihren Text auch schreiben würden, wenn Sie dafür keinen Cent bekommen. Diese Chance ist nämlich sehr real.

…und der Plan
Der Roman #incommunicado ist nicht der eigentliche Output der Arbeit an dem Manuskript. Inzwischen sind fast sieben Jahre vergangen, und ich weiß jetzt, was in „Netzwerke der Macht“  stehen hätte sollen. Ich habe die Fragen von damals für mich beantwortet und diese Antworten mehrfach überprüft. Ich weiß jetzt, was ich in Zukunft schreiben will. „Postjournalismus“ ist nur das erste Resultat davon, ich möchte damit noch ein paar Thesen testen. Es wird ein zweites Buch folgen, in dem es um die Organisation der Gesellschaft im Informationszeitalter geht.
Aber ganz ehrlich, ich kann schon die Verlage hören, wie sie sagen: Interessantes Thema, aber wir wissen nicht, ob der Markt groß genug ist.
Leute, es ist mir egal. Ich will das schreiben und ich werde es schreiben. Ich glaube, es gibt Menschen, die das lesen und diskutieren werden wollen. Diese Leute sind ein Publikum – ob sie eine ökonomisch relevante Zielgruppe sind, weiß ich nicht und interessiert mich nicht. Das war eine wichtige Frage, solange der Buchvertrieb eine klassische Industrie war, mit knappen Produkten, knappen Vertriebskanälen (Regalplatz in Buchhandlungen! Da kommt nicht jeder rein…) und knappen Marketing-Ressourcen (Zugang zu Rezensionen in klassischen Medien).

Abgelehnt? Hahaha.
Das ist längst anders: Wir leben im Überfluss. eBooks, Books-on-Demand und Amazon erlauben den Direktkontakt mit den LeserInnen, das Netz erlaubt den Vertrieb und die Vermarktung ohne Zwischenstationen. „Die Menschen geben nicht unendlich viel Geld für Bücher aus, es herrscht eine gewisse Knappheit an KäuferInnen“, habe ich oben geschrieben. Das stimmt. Aber das Internet zeigt: Es herrscht Überfluss an LeserInnen. Wir können publizieren, was wir wollen, das Publikum entscheidet, was es lesen will. Ein Manuskript abzulehnen und in Schubladen vergilben zu lassen – das ist ein altes Konzept. Das hat keine Zukunft.

Mit Selbst-Publikation ist noch kaum jemand reich geworden? Stimmt. Mit klassischen Büchern auch nicht. Also was soll’s?

Ich will meine Arbeit diskutieren, mit möglichst vielen Menschen. Ich werde also erst „#incommunicado“ selbst publizieren und dann „Postjournalismus“ und dann geht’s weiter. Selbst publizieren heißt nicht gratis, aber zu Bedingungen, die mir passen und mit denen ich mein Publikum erreiche. Ich denke schon lange über verschiedene Modelle nach, endgültig entschieden habe ich mich noch nicht.

Werde ich wieder für Verlage schreiben? Sicher, jederzeit, wenn’s passt. Ich werde bloss nicht mehr nicht schreiben, wenn’s nicht passt.

Und die Seminar-Schiene, die habe ich schon im Kopf. Für später.

Veröffentlicht von Michel Reimon