In den frühen Neunzigern, das genaue Jahr müsste ich recherchieren, habe ich für die SPÖ Burgenland geschrieben. Die hatte damals noch eine Parteizeitung, die BF, ein vielgelesenes Wochenblatt – vielgelesen vor allem wegen der Fußball-Ergebnisse. Irgendwann brauchte die BF einen Journalisten, ich junger Freiberufler brauchte Geld, also wurde ich in der 70jährigen Geschichte des Blattes der erste parteifreie Redakteur. Ein Desaster.

Ich schrieb hauptsächlich Chronik-Storys. Politik-Geschichten durfte ich kaum machen, denn der Landeshauptmann konnte mich nicht leiden. Ich hatte lange Haare, trug Lederjacke und Boots. Und hatte kein Parteibuch und wollte kein Parteibuch. Nichts davon mochte Karl Stix. Ich traf ihn meist bei Veranstaltungen von Feuerwehr, Polizei oder Rettung. Stix war nämlich ein großer Fan dieser Organisationen. Er war untauglich gewesen und hatte nicht zum Heer gedurft und hatte sich das immer so gewünscht, erzählte mir ein Redakteur, der ihn seit Jahrzehnten kannte. Also fotografierte ich Stix in Uniform, immer und immer wieder.

Stix mochte nicht nur Uniformen, sondern auch seinen politischen Ziehsohn und Pressesprecher: Norbert Darabos. Norbert kam jede Woche mehrfach in die Redaktion, um die Berichterstattung, sagen wir mal, zu begleiten. Chronik-Geschichten interessierten ihn nicht, also kam ich mit ihm immer ganz gut zurecht. Heutige politische Differenzen hin oder her, Norbert ist persönlich ein netter Kerl.  Das muss man auch gelten lassen.

Und dann kam das Bundesheer. Uniformen!

Das Heer führte im Südburgenland das größte Manöver der 2. Republik durch, es dauerte über eine Woche. Übungsannahme: Der Feind kommt überraschend aus dem Osten. Verteidigungslinien müssen in den Bergen der Steiermark aufgebaut werden, das braucht mindestens 48 Stunden. Übungsaufgabe folglich: Den Feind im Burgenland so lange wie möglich aufzuhalten. Brücken sprengen, Straßen verminen, Häuserkampf, all das wurde trainiert. Ich fuhr am ersten Manövertag brav auf Lokalaugenschein und sah in den burgenländischen Dörfern alte Mutterln und junge Burschen am Straßenrand stehen, die den Soldaten mit österreichischen Fahnen zuwinkten.

Dann fuhr ich heim und schrieb den Artikel, eine ganze Doppelseite. Am Mittwoch erschien die Zeitung, das Manöver war in vollem Gang und: Der Landeshauptmann stattete den Soldaten seinen Besuch ab. Er fuhr im Dienstwagen vor, freute sich wohl schon, stieg aus – und traf auf einen Kommandanten, der ihm die eigene Parteizeitung unter die Nase hielt. Dort stand (sinngemäß): Das Bundesheer trainiert, burgenländische Dörfer als Deckung zu verwenden, zu verwüsten und dann aufzugeben, um die Steiermark verteidigen zu können. Und Einwohner dieser Dörfer stehen am Straßenrand und jubeln dazu. Wie deppert kann man eigentlich sein?

Nun ja. Handys hatten wir damals noch nicht, aber Stix fand ein Telefon. Noch am selben Vormittag war ich meinen Job los und packte meine Sachen. Norbert kam, als ich schon fast fertig war, auch vorbei.

„Was ist dir denn da eingefallen?“ fragte er.
„Hab ich nicht recht?“ fragte ich.
Ich habs noch vor Augen. Er stand vor mir, in seinem Anzug, und ich wollte eine ehrliche Antwort. Er lächelte und schüttelte den Kopf. „Natürlich hast du recht, aber schreiben kannst du das doch nicht!“ sagte er.

Veröffentlicht von Michel Reimon