Ich habe jetzt mehrere Artikel und Postings dazu gesehen, dass es den Leuten doch eigentlich materiell gut ginge, viel besser als früher – und trotzdem wählen sie rechten Protest.

Und gerade hab ich einem spanischen Fernsehsender ein Interview gegeben, da kam die selbe Frage. Die ÖsterreicherInnen sind ja, im Schnitt, viel wohlhabender als die SpanierInnen. Wie kann man auf diesem Niveau unzufrieden sein?

Und ich habe zum 1000. Mal gesagt: Das ist eine falsche Denkweise. Es geht nicht – nie – um den Wohlstand in absoluten Zahlen. Es geht um die Zukunftsperspektive. Wenn man glaubt, dass es schlechter wird, wehrt man sich. Und nimmt, was immer man als tauglich für die Gegenwehr hält.

Ich weigere mich auch, „euch geht es eh gut“ als politische Botschaft zu verbreiten. Österreich hat in den letzten dreißig Jahren (fast) konstantes Wirtschaftswachstum hinter sich, bis auf den Einbruch durch die Bankenkrise 2008/2009. In diesen dreißig Jahren ging der gesamte neue Wohlstand in die Unternehmensgewinne und die Vermögen der oberen paar Prozent.

Mit Arbeiten schafft man sich in Österreich weniger Wohlstand als vor einer Generation und vor allem: Es gibt keine glaubwürdige Perspektive, dass das besser wird. Dass es den Kindern mal besser gehen wird.

Wie gesagt: „So schlecht gehts dir eh nicht“ ist keine Alternative. Dann hätten wir auf jeder Entwicklungsstufe der letzten 10.000 Jahre auch schon stehen bleiben können. Sind wir aber nicht, weil die Menschheit strebsam ist und das ist gut so.

Die ÖVP und die Neos wollen wirklich nichts anderes, als Unternehmensgewinne und das oberste Prozent fördern und die SPÖ glaubt ihrer eigenen Ideologie nicht mehr.

Also wird es unser Job sein. Grüne Wirtschaftsprogramme gehen in genau diese Richtung. Aber in der Vermittlung erwecken wir immer noch den Eindruck, es ginge nur um Fair-Trade-Boutiquen und ein paar Windräder. Dabei geht es auch um Jobs für Installateure und ElektrikerInnen in der Obersteiermark und im Lungau. Bei den TTIP-Vorträgen im ganzen Land hat diese Vermittlung funktioniert: Viele Leute kommen, um sich über ein Abkommen zu informieren und am Ende hat man eine grundlegende Debatte über das Wirtschaftssystem, Umverteilung und Gerechtigkeit.

Es geht.

Veröffentlicht von Michel Reimon