Im immer heftiger werdenden politischen Streit um die Kontrolle des Internets stellen sich nun einige wenige Journalisten auf die Seite jener, die für Restriktionen und sogar Repression eintreten. Diese Angstbeisserei ist eine unmittelbare Folge des erodierenden Geschäftsmodells, die scharfe Rhetorik erinnert daher nicht zufällig an jene der Musikindustrie.

Während dessen erklärt Miriam Meckel in der FAZ, warum die Gesellschaft den Qualitätsjournalismus braucht und schützen muss: Weil sonst nichts Neues in die Welt kommt. Ja, ausgerechnet jene Miriam Meckel, die sich für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft engagiert. Wenn aus dem Umfeld der INSM etwas ventiliert wird, ist es immer klug, genau das Gegenteil anzunehmen.

Das würde in etwa heissen: Im Internet wird Journalismus zum Flaschenhals im Informationsfluss. Klingt komisch, ist aber so. Wirklich. Es wäre wohl leicht, diese These mit einem Beispiel schlechten Journalismus‘ zu belegen. Aber was, wenn wir ein untadeliges und aktuelles Beispiel von echtem Qualitätsjournalismus dieser Prüfung unterziehen?

Zwei Papiersäcke voll Information
In Österreich werden derzeit schrittweise Informationen bekannt, die vielleicht einen der größten Skandale der 2. Republik darstellen. Die Wiener Stadtzeitung Falter veröffentlicht jede Woche brisante Dokumente:

Zwei Papiersäcke hat ein Informant dem Falter überreicht. Darin stecken Dokumente aus dem Justizministerium, aus Staatsanwaltschaften und von der Polizei. Es sind hunderte Seiten. […] In den Akten finden sich Namen prominenter Politiker, Polizisten und hoher Beamter. Die Akten zählen zu den vertraulichsten Dokumenten der Republik. Sie stammen vor allem aus der Sektion vier, der verschwiegenen Weisungsabteilung des Justizministeriums. Sie entscheidet, ob gegen Mächtige Anklage erhoben wird.

Unschwer zu erraten: Hier dampft ein Korruptionssumpf. Aber darum gehts hier nicht. Florian Klenk, dem diese Unterlagen zugespielt wurden, ist wohl einer der besten investigativen Journalisten des deutschsprachigen Raumes. Regelmäßig bringt er Skandale ans Tageslicht, die ihm von einem weit verzweigten Netz von InformantInnen in Österreichs Politik und Beamtenapparat zugetragen werden: Vierte Macht, so wie sie sein soll. Und ganz zufällig wurde sein Blog für die MitarbeiterInnen des Justizministeriums erst vor wenigen Tagen kurzfristig gesperrt.

Wäre also die Arbeit von Florian Klenk und dem Falter durch Blogs, Facebook, Twitter & Co zu ersetzen? Meine persönliche Antwort als langjähriger Falter-Leser lautet: Ja. Und mehr noch: Die Alternative wäre mir sogar lieber. Sorry.

Das Medium als Multiplikator
Investigativer Journalismus funktioniert im Normalfall genau so, wie obiger Fall: Es gibt einen Insider, der Informationen hat und will, dass diese an die Öffentlichkeit gelangen. Also sucht diese Person ein Massenmedium, dass seine Informationen publiziert. Bisher kamen dafür in Frage: Zeitungen, Magazine, Fernsehen und Radio. Der Insider wird dabei zur Quelle eines Journalisten. Oder wie es im Falter steht:

Er habe lange nachgedacht, ob er die Papiere herausgeben soll, so der Informant, „Aber mein Gewissen verpflichtet mich dazu. Machen Sie das öffentlich.“

Darin ähnelt der Fall den meisten anderen investigativen Recherchen und auch dem Referenzfall dieser Gattung: Watergate. Mark „Deep Throat“ Felt hatte die Informationen, Carl Bernstein und Bob Woodward hatten die Leserschaft. Der eine brauchte die anderen als  Multiplikatoren. In Zeiten von knappen Medien war das eine Notwendigkeit, um das Neue in die Welt zu bringen.

blogs are the former sources
Auftritt: Das Internet. Während ich diese Zeilen schreibe, geht auf der anderen Seite des Atlantiks, in Aspen, Colorado, eine interessante Konzerenz zu Ende. Auf der #focas09 haben  VordenkerInnen aus traditionellen und neuen Medien über die Zukunft des Journalismus diskutiert. Auch der Fragenkomplex, der uns hier beschäftigt, war dort Thema. Die Gespräche wurden als Videostream live im Web übertragen und via Twitter konnte man sich aus der ganzen Welt beteiligen.

Dave Winer schrieb so von außen eine öffentliche Nachricht an Konferenzteilnehmer Jeff Jarvis (der übrigens indirekt für beta thoughts mitverantwortlich ist):

They are not taking into account this: Blogs are the former sources.

Winer bringt es auf den Punkt: Quellen brauchen in Zukunft keine JournalistInnen mehr. Sie können alle Informationen selbst veröffentlichen. Ob sie nun bloggen oder eine passendere Form des online-publizierens wählen, ist dabei egal. Die Vorteile liegen auf der Hand: Das potentielle Publikum ist -zigfach größer, das Internet kann nicht beschlagnahmt werden und selbstverständlich kann man auch anonym veröffentlichen. Mindestens so anonym, wie wenn man sich einem Journalisten anvertrauen muss. Was derzeit fehlt, ist nur noch „Medienkompetenz“ auf Seiten der InformantInnen. Aber das ist eine Frage der Zeit. Wenn die Quellen einmal digital natives sind, hat sich das erledigt.

Flaschenhals Redaktion
Betrachten wir die Situation einmal andersrum: Seit drei Wochen ist der Falter im Besitz von demokratiepolitisch hochbrisanten Akten – und hält sie unter Verschluss. Jeden Mittwoch wird nur ein Fall öffentlich gemacht, und zwar – ich sage das bewusst etwas provokant – nach Gutdünken der Redaktion. Sicher wird dabei nach bestem Wissen und Gewissen vorgegangen, aber das macht die Sache nur qualitativ besser, nicht prinzipiell.

Natürlich liegt die Vorgangsweise daran, dass der Falter eine Wochenzeitung ist und nicht unendlich viel Platz zur Verfügung hat. Auch ist es ökonomisch verständlich, dass man mit so viel Material die Auflage gerne für ein paar Wochen steigert als nur einmal. Journalismus ist schon immer so vorgegangen, das liegt in der Logik seines Geschäftsmodells. Es ist die Logik knapper Medien, geboren aus einer Notwendigkeit. Im Internet liegt die Sache anders.

Und obwohl Klenk seine Artikel auch bloggt, hält er den Großteil der Unterlagen weiter zurück. Dazu kommt: Wir bekommen Zugang zu redigierter, journalistisch aufbereiteter Information. Das ist seriös gemacht. Aber lieber, siehe oben, wäre mir die Alternative: Zugang zu den Originalakten.

Ist es nicht ein Paradoxon, dass ein investigativer Journalist relevante Informationen künstlich verknappt?

Wir bemerken diese Verknappung fast gar nicht, weil sie im Print-Zeitalter immer da war. Aber ist sie nicht im Grunde unerträglich? Um hier noch einmal deutlich zu sein: Klenk leistet Hervorragendes und hat in den letzten Jahren vermutlich mehr kritische Öffentlichkeit in Österreich hergestellt, als alle Blogger zusammen. Aber die letzten Jahre sind halt nicht die Zukunft. Deshalb stellt sich die Frage: Müssten politisch interessierte Bürger ihn und seine Herausgeber nicht auffordern, ihnen freien Zugang zu diesen Informationen zu geben – vollständig, unbearbeitet und sofort? Angenommen, diese Papiersäcke mit Unterlagen würden auf dem Schreibtisch der Justizministerin liegen und wir alle wüßten das. Würden Klenk und sein Chefredakteur Armin Thunher nicht ihre Veröffentlichung fordern? Würden wir, die LeserInnen, die kritische Öffentlichkeit, sie dabei nicht unterstützen?

Florian Klenk nannte die Sperre seines Blogs „Zensur“ und sprach von „chinesischer Manier“. Starke Worte für die Informationsfreiheit. Er würde sicher verstehen, wenn man seine Informationsverknappung auch „Zensur“ nennt.

Den starken Worten könnte er nun starke Taten folgen lassen. Denn wie hat der anonyme Informant gesagt:

„Machen Sie das öffentlich.“

Der Konjunktiv
Ich formuliere diese Forderungen im Konjunktiv, denn das Ganze ist ein Dilemma. Kann man von einem Journalisten (und gleich dem ganzen Medium) verlangen, seine ökonomische Existenzgrundlage aufzugeben? Nicht weniger bedeutet diese Forderung nämlich. Soll er sich für höhere Ideale opfern? Wohl nicht, und das wird auch nicht notwendig sein: Die InformantInnen werden das selbständige Publizieren schneller lernen, als viele glauben.Und unter anderem so kommt dann in Zukunft das Neue in die Welt.

Dafür brauchen diese Quellen nur eines: Ein Internet, das nicht vollkommen überwacht ist. Und man komme mir jetzt nicht mit „rechtsfreier Raum“. Das wäre was ganz anderes. Dass es tatsächlich einige politische Journalisten gibt, die medialen Widerstand gegen diese atemberaubenden Möglichkeiten leisten und sich auf die Seite der ZensorInnen stellen, um ihr Geschäftsmodell zu schützen, finde ich unerträglich.

This is beta, v 0.1

Veröffentlicht von Michel Reimon