VP, FP und Neos wissen ganz genau, was sie erreichen wollen. Es steht alles hier, schwarz auf weiß.

Mancur Olson war ein Ökonom, der sich mit kollektivem Handeln und sozialen Gruppen beschäftigt und sich sehr ausführlich der Organisation der Arbeiter*innenschaft gewidmet hat.

Sein Fazit: Gruppen können ein gemeinsames Ziel haben und jedes Mitglied kann dieses Ziel verstehen und ihm zustimmen – und trotzdem wird die Gruppe nicht darauf hinarbeiten, wenn die Rahmenbedingungen nicht passen.

Wenn a) die Gruppe latent ist, also so groß, dass Einzelne keine entscheidenden Beiträge leisten und wenn b) diese Einzelnen nicht von einem gemeinsamen Erfolg ausgeschlossen werden können, dann werden diese Personen c) gar nicht dazu beitragen, außer man verpflichtet sie.

Alle können zustimmen, dass der Bau einer Straße mit Steuern sinnvoll wäre, aber wenn a) ihre eigenen Beiträge nicht entscheidend sind und sie b) trotzdem auf der gebauten Straße fahren können… dann werden sie nicht freiwillig Steuern zahlen. Deshalb haben wir Steuerpflicht.

Apropos: Nehmen wir Konzerne, die von guter Infrastruktur und funktionierenden Rechtsstaaten profitieren: Wenn sie diese auch nutzen können, obwohl sie in Steueroasen gehen, dann werden sie das tun.

Also: Wenn die Mitgliedschaft in der Kammer freiwillig ist, die Kammern sich aber um Kollektivverträge für ALLE Arbeitnehmer/Unternehmer/Landwirt*innen kümmern, dann werden ihnen die Mitglieder davon laufen.

Die Folge wird der closed shop sein – MUSS der closed shop sein: Nur wer Mitglied ist, wird vertreten. Damit gelten dann aber Kollektivverträge nicht für alle und wer kein Mitglied ist, kann sie unterlaufen. Die gesamte Schlussfolgerung gilt so natürlich auch 1:1 für die Wirtschaftskammer. Kollektivverträge sind dann tot. Welche Seite davon den größeren Vorteil hätte, liegt auf der Hand.

Die für die Arbeitnehmer*innen extrem gut funktionierende österreichische Konstruktion mit Pflicht-AK und „freiwilligem“ ÖGB, der mehr fordern kann/darf, wäre in ihrer bisherigen Form natürlich auch erledigt. Salopp gesagt: Zwei freiwillige Mitgliedschaften braucht niemand.

Die Pflichtmitgliedschaft in einer großen Vertretung ist die rational beste Möglichkeit, mit wenigen Euro Beiträgen maximale Kampfkraft als Arbeitnehmer*in zu entfalten. Das zeigt Olson in seinem Klassiker. ÖVP, FPÖ und Neos scheinen ihn gelesen zu haben.

Veröffentlicht von Michel Reimon